Der Kreuzweg der Kirche – Aufbauendes in Krisenzeiten

Die Wächter des Flusses
Die Wächter des Flusses
haben mir gesagt:
Tote Fische!
Wach auf!
Der Kirchturmberg ist zu weit weg
da muss der Fluss
schon über die Ufer treten
das Wasser steigen
die große Flut kommen
dann
vielleicht
wenn die Wasser
die Kirchdächer erreichen
und die Boote
am Glockenturm ankern
weiß man
wie viel es geschlagen hat.
(Robert Brunbauer)

1. Station: Jesus wird zum Tod verurteilt

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!

Das Drama der Kirche besteht darin, dass es für Reform, Protest und Erneuerung keine verlässlichen Strukturen und Verfahren gibt, wie dies im Bereich des Politischen mit der Demokratie der Fall ist. Wer etwas verändern und umgestalten möchte, wer mit den etablierten Strukturen oder mit der konkret praktischen Pastoral und Seelsorge unzufrieden ist, der findet keinerlei institutionelles Angebot, das ihm oder ihr auf diesem Weg helfen würde. Die Verfassungsform der absolutistischen Monarchie kennt schlicht und ergreifend keine Kultur der Mitgliederpartizipation, auf welche diese Mitglieder als „Teilhaber“ auch ein Recht hätten. Der „Rechtsweg“ ist hier von vornherein ausgeschlossen – weil es ihn gar nicht gibt. Wahlen und Bürgerentscheide zur Mitbestimmung an den alle betreffenden Angelegenheiten sind nicht vorgesehen.

(aus: Daniel BOGNER, Ihr macht uns die Kirche kaputt… doch wir lassen das nicht zu)

Als Jesus vor knapp 2000 Jahren aufrief zu Reform und Erneuerung des Judentums, fiel seine Botschaft teilweise in die Dornen. Die Krone, die man ihm aus diesen Dornen flocht, steht auch für den scheinbaren Sieg derer, die Veränderungen als Bedrohung empfanden.

Paradoxerweise scheint heute die Kirche in einer ähnlichen Situation zu sein. Aber leider mit umgekehrten Vorzeichen. Nicht sie wird an ihrem Erneuerungswillen gehindert, sondern sie selbst verweigert notwendige Veränderungen. Und es sind die Reformwilligen, die angefeindet und verurteilt werden als Unruhestifter und Störenfriede.

Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie in Fribourg/CH, beschreibt zahlreiche dieser „Baustellen“ in der Kirche: verkrustete Strukturen der Amtskirche, Mitbestimmung, Gleichberechtigung der Frauen, das Elitedenken von Führungskräften, Resignation vor Kirchenaustritten, mangelnder Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen, sexueller und spiritueller Missbrauch, Menschenrechte innerhalb der Amtskirche, liturgische Sprache, keine Gewaltenteilung in der Kirche, das Priesteramtsverständnis, Zölibat, Sexualmoral, Homosexualität, Sakramente für Wiederverheiratete/Geschiedene usw. usf.

Einige dieser „Baustellen“ sollen in den kommenden Tagen und Wochen zur Sprache kommen. Aber nicht aus Lust am Verurteilen und Schlechtmachen, sondern aus Sehnsucht nach einer Jesusbewegung, in der ich eine Heimat, einen Namen und eine Ermächtigung habe zum Mitwirken. Neue Wege sollen angedeutet werden, „Sanierungsmodelle“, wenn man so will. Das Ziel kann nur sein, dass sich Menschen im kirchlichen Bereich wohl und angenommen fühlen, dass sie gerne einer Gemeinschaft angehören und an einer solchen mitwirken, die solidarisch lebt und sich gemeinsam auf die Suche macht nach dem „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) …

Gebet des Tages: Ich begegne heute einem Menschen, mit dem ich mir normalerweise schwer tue, ohne Vorbehalt, ohne Vorurteil.

1. Station: Jesus wird zum Tod verurteilt

Inkonsequent

Frage 100 Katholiken, was das Wichtigste ist in der Kirche.

Sie werden antworten:

Die Messe.
Frage 100 Katholiken, was das Wichtigste ist in der Messe.

Sie werden antworten:

Die Wandlung.

Sage 100 Katholiken, dass das wichtigste in der Kirche die Wandlung ist.
Sie werden empört sein:

Nein, alles soll bleiben wie es ist!

(aus: Lothar ZENETTI, Texte der Zuversicht. Für den einzelnen und die Gemeinde)

Der begnadete Schriftsteller, Priester und Theologe Lothar Zenetti schrieb diesen Text vor genau 40 Jahren. Der Text ist bekannt, vielleicht sogar allzu bekannt. Denn Texte, die viele (fast) auswendig können, neigen dazu, in-wendig nicht mehr wahrgenommen zu werden. Viele Evangeliumstexte erleiden dasselbe Schicksal. Vor allem auch dann, wenn sie nicht mehr in die heutige Zeit übersetzt werden. Wenn die Zusage fehlt, dass wir Gottes Geliebte sind. Wenn die Verwaltungsroutine des Altardienstes das Herz nicht mehr erreicht.

Als Jesus mit seiner Kultkritik, mit seinem Ruf nach Umkehr, die religiösen Parteien seiner Zeit vor den Kopf stieß, legte er sich mit einem Machtapparat an, dem er nicht gewachsen war. Als er sagte: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“, klang das in den Ohren der Tempeldiener wie eine Blasphemie, eine Gotteslästerung, die nach jüdischem Gesetz die Todesstrafe nach sich zog. Und als der Tempelvorhang beim Tod Jesu zerriss, ein Symbol für das Ende von jeglichem Tempeldienst, begann die Urgemeinde in Jerusalem an einem neuen Tempel zu bauen, frei nach den Worten des Paulus: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Sie werden sich dabei wohl auch an der Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen orientiert haben. Als Jesus zu dieser Frau sagte: „Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet…. die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit…“

Tempel Gottes sein. Salz der Erde. Und Licht der Welt. Die Fußwaschung leben. Dienen mit Rückgrat: Diese tägliche Wandlung lebt uns Jesus vor. Ihm nachfolgen heißt dann Brot und Wein für die Menschen sein. Die Wandlung im Gottesdienst erinnert uns daran, dass wir der Tempel Gottes sind. Der Leib Christi.

Gebet der Stunde: Vor der Begegnung mit einem bestimmten Menschen 1 Minute innehalten. Mir seine guten Eigenschaften vergegenwärtigen. Den „Möge-Modus“ bewusst aktivieren …

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Leid kann stärker machen

Ein Mensch konnte nichts Schönes und Gesundes sehen. Als er in einer Oase einen jungen Palmbaum im besten Wuchs fand, nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem Lachen ging er weiter. Aber die Palme versuchte, die Last abzuwerfen. Sie schüttelte und bog sich. Vergebens. Sie krallte sich tiefer in den Boden, bis ihre Wurzeln verborgene Wasseradern erreichten. Diese Kraft aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten sie zu einer königlichen Palme, die auch den Stein hochstemmen konnte.

Nach Jahren kam der Mann wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu erfreuen. Da senkte die kräftige Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: „Ich muss dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht!“

(aus: Willi HOFFSÜMMER, 255 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe)

Wieder eine altbekannte Geschichte. Mit der Moral, dass manche Lasten der Entwicklung eines Menschen nicht nur nicht hinderlich, sondern sogar förderlich sein können.

Übertragen wir jetzt diese Geschichte auf die Kirchengeschichte. Die junge Palme möge dann stehen für die junge Kirche. Der schwere Stein sei ein Symbol für Kritik an dieser Kirche. Und nehmen wir weiter an, die Kritiker waren gar keine boshaften und zynischen Kirchenhasser, sondern Menschen, die andere Zugänge zur Jesusüberlieferung und den biblischen Schriften hatten.

Wie ging die Kirche in der Vergangenheit mit Kritik um? Nicht selten mit Exkommunikation, Ausschluss vom Heil, Verdammung, mit Ketzerfolterung, Hexenverbrennung, Ächtung. Außerhalb der Kirche kein Heil. Rom hat gesprochen, der Fall ist erledigt. Und heute? Im 20. Jh. landete man zwar nicht mehr am Scheiterhaufen, aber die Liste derer ist lang, denen die Lehrerlaubnis entzogen wurde und die vom Priesteramt suspendiert wurden. Und die Kritikfähigkeit, der Dialog, die Zeichen der Zeit?

Kritik bietet eine Möglichkeit zu wachsen. Kritikfähig sein heißt dialogfähig sein. Und Dialog setzt Toleranz voraus. Toleranz bedeutet, den eigenen Glauben mit den Augen des Dialogpartners sehen zu lernen. Mit den eigenen Wurzeln ungeahnte Tiefen auszuloten. Sich zur Sonne zu strecken, die ER für alle ist.

Vielleicht gibt es in der Kirche so viele „Baustellen“, weil sie die Kritik immer nur abschütteln, sich dem Dialog nicht stellen will. Und vielleicht ist es manchmal sogar so, dass sie nicht die junge Palme, sondern der Mensch mit dem schweren Stein ist. Und Lasten auflegt. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Angst vor Machtverlust. Den Frauen, den Homosexuellen, den wiederverheirateten Geschiedenen, den von Kirchenverantwortlichen Missbrauchten, den Kritikern, den Reformwilligen, usw. Frei nach Matthäus: „Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen“ (Mt 23,4).

Wie wohltuend, ermutigend, aufbauend dagegen die Einladung Jesu: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen… Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“

Gebet der Stunde: Bevor du an irgendjemandem Kritik übst, zieh den Balken aus deinem Auge…

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf den Weg zu führen.
Er hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen auf seine Seite zu bringen.
Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest.
Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worten geschrieben.
Und wenn die Schrift gefälscht ist, nicht gelesen werden kann?
Wenn unsere Hände mit anderen Dingen beschäftigt sind als mit den seinen?
Wenn unsere Lippen sprechen, was er verwerfen würde?
Erwarten wir, ihm dienen zu können, ohne ihm nachzufolgen?

(Gebet aus dem 14. Jh. + Ergänzung von Manfred FRIGGER)

Dieses Gebet gehört zum klassischen Gebetsschatz des Christentums. Und ist aktueller denn je. Es spricht davon, dass dem Menschen, der im Sinne Jesu zu handeln versucht, etwas zugetraut wird. Dass er Macht hat, aber nicht im Sinne des Herrschens, sondern des Dienens. Die Ermächtigung zugesprochen bekommt, das göttliche Wirken im Alltag mitzuprägen. Schöpferisch, kreativ zu sein. Sich für die gute Sache leidenschaftlich einsetzen. Nicht als Knecht tätig sein, der bloß Aufträge, Vorschriften, Gebote erfüllt. Sondern als Freund aktiv werden, weil Freunde füreinander da sind. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte… vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,15). Dieser Zuspruch geht nicht primär an eine Institution, sondern an aus dem Alltag herausgerufene Menschen. An das Volk. Volk heißt auf Griechisch Laos. Davon leitet sich der Laie ab. Und das Wort Kirche leitet sich vom griechischen Kyriake ab. Und die Bedeutung dieses kyriake fußt auf dem griech. Begriff ecclesía. Und das heißt übersetzt: Die Gesamtheit der Herausgerufenen. Das Volk Gottes.

Nicht von ungefähr nennt sich eine Bewegung, die sich für die Erneuerung, Mündigkeit und Gleichberechtigung in der Kirche einsetzt, „Wir sind Kirche“. Auftreten, nicht austreten ist einer der Leitgedanken. Aber auch sie ist nicht in der Lage, die hohen Austrittszahlen zu beeinflussen. Nach außen scheint es so, dass sich viele von der (Amts)Kirche abgewendet hätten. Aber vielleicht ist das nur ein großes Missverständnis. Denn: Könnte es nicht auch umgekehrt sein? Dass die Kirchenführung gerade dabei ist, sich von den (allzu)kritischen Gläubigen zu verabschieden? Dass in Kauf genommen wird, als „Heiliger Rest“ übrigzubleiben, wenn alle kritischen Stimmen ignoriert werden? Dass eine Kirche, die der ständigen Reform bedarf, diese Reform ablehnt, weil sie sich im Besitz des Geistes Gottes wähnt?

Wie schwer ist es für die Kirchenleitung, den Leitungs- und Führungsstand aufzugeben? Und mit dem allgemeinen Priestertum aller Getauften ernst zu machen? Und mit dem Anteil der Laien am dreifachen Amt Christi (Priester, König, Prophet)? Die Laien sind mündig geworden. Vielleicht würde es genügen, ihnen nichts zu verordnen – auf der Basis des Kirchenrechts. Sondern sie einfach zu mögen – auf der Basis des Evangeliums. So wie Freunde aufeinander zugehen. Diener der Diener Gottes sein. Denn Dienen ohne Nachfolge ist unchristlich.

Gebet der Stunde: Sich Jesus für einige Augenblicke vorstellen als Freund – nicht als Abhörer deiner Gebete.

3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Vorbemerkung zum Großinquisitor:

Jesus erscheint im Sevilla des 16. Jahrhunderts, wo gerade die Inquisition stattfindet. Das Volk erkennt Jesus und ebenso der greise Kardinal-Großinquisitor, der ihn im Kerker festsetzen lässt, und ihm in einem langen Monolog versucht darzulegen, warum Jesus kein Recht mehr habe, durch ein erneutes Erscheinen das Wirken der Kirche zu stören.  

,Bist Du es? Du?’ Und da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu: Antworte nicht, schweige. Und was könntest Du auch sagen? Ich weiß nur allzu gut, was Du sagen kannst. Aber Du hast nicht einmal das Recht, noch etwas dem hinzuzufügen, was von Dir schon damals gesagt worden ist. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn Du bist uns stören gekommen! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: bist Du´ s wirklich, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Aber morgen noch werde ich Dich richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküsst hat, wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen hinstürzen, um eifrig die glühenden Kohlen zu schüren, weißt Du das? Ja, vielleicht weißt Du es’, fügt er in sinnendem Nachdenken hinzu, ohne auch nur für eine Sekunde den Blick von seinem Gefangenen abzuwenden.

(aus: Der Großinquisitor. Aus: F.M. Dostojewskij, “Die Brüder Karamasow” 1. Teil, 5. Buch)

Der „erste Fall“ der Kirche begann im 4. Jahrhundert. Als das Christentum unter dem römischen Kaiser Theodosius zur Staatsreligion wurde. Der, der sich den Außenseitern zugewandt hatte und zur Nachfolge aufrief, wurde zum Garanten irdischer Herrschaft und zum Zentrum der Anbetung. An die Stelle der mit Sehnsucht erwarteten aber nicht erfolgten Wiederkunft Christi trat die Kirche. Und die Reich-Gottes-Botschaft wurde mit politischen Fragen vermischt. Macht und Reichtum führten die Kirche in Versuchung. Statt Nachfolge und Identifikation mit Jesus rücken Andacht, Sakramenteempfang und Gebote ins Zentrum. Die Erinnerung an den irdischen Jesus gerät zunehmend aus dem Blick.

Dauert der Fall noch an? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Ende des 18. Jahrhunderts beginnende Trennung zwischen Staat und Kirche gute Nachrichten sind. Aber was ist mit der Macht? Werden Glaubenswahrheiten wie das Liebesgebot nach wie vor eher verordnet als gelebt?

Wenn der Großinquisitor den wiedererschienenen Jesus zum Schweigen auffordert, ist das konsequent gelebte Tradition der Kirche. Die Verwalter der himmlischen Schätze brauchen keine Einmischung von außen. Was sollte noch dazugefügt werden können, ist doch alles schon offenbart, was dem Menschen zum Heil gereicht…

Und der Geist Gottes, der weht, wo er will? Und der Leib Christi, also das Volk Gottes – Freunde oder Untergebene? Ist die Amtskirche im Besitz der Wahrheit oder auf der Suche nach ihr? Ist Kirchenführung von oben und Mitbestimmung von unten tatsächlich ein Sakrileg und unbiblisch? Ist Freundschaft teilbar – im Sinne von: Solange du meine Gebote hältst und meine Sakramente empfängst, bin ich dein Freund, sonst nicht? Ich stell mir gerade vor, wie die Großinquisitor-Erzählung von Dostojewski heute wohl enden würde…

Gebet der Stunde: Statt 1 Stunde Tagesnachrichten: ein paar Minuten den Blick nach innen wenden.

3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!

Über Jahrhunderte hinweg konnte sich in der Kirche die Kultur einer ständisch-höfischen Gesellschaft etablieren, weil vor allem mittelalterliches Hofzeremoniell und die ständegesellschaftlichen Gepflogenheiten im Umgang mit „Untergebenen“ einen dominanten Einfluss auf sie ausübte. Vieles davon wurde in der Kirche übernommen und hat sich festgesetzt. Irgendwann verschwamm das Bewusstsein dafür, was zeitbedingter Import von eigentlich glaubensfremder Folklore ist und worin sich kirchliche Identität wirklich ausdrückt. Jedenfalls hat diese vordemokratische Prägung der katholischen Kirche in ihr eine Mentalität hinterlassen, die aus Kirchenmitgliedern obrigkeitsorientierte Befehlsempfänger werden ließ. Weniger der Mut zur Eigenverantwortung und kreativer Geist wurden durch diese Kultur gefördert als vielmehr eine Haltung der ständigen Vorsicht gegenüber der vermeintlichen Autorität.

(aus: Daniel BOGNER, Ihr macht uns die Kirche kaputt… doch wir lassen das nicht zu)

Daniel Bogner beschreibt dazu zwei Beispiele aus der Gegenwart: Der selbstbewusste hochrangige Politiker, der im direkten Kontakt mit einem Bischof plötzlich „zum devoten Schäfchen“ mutiert. Oder die katholische Aktivistin, äußerst kritisch in ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement, die innerkirchlich „jene gläserne Decke, an die sie stößt, scheinbar unhinterfragt akzeptiert.“

Wie konnte es dazu kommen? Als die junge Kirche zur Staatsreligion emporstieg, stieg gleichzeitig die Versuchung, einen Machtapparat aufzubauen nach dem Vorbild des Römischen Reiches. Die monarchisch-absolutistische Kirchenverfassung war geboren. Ein Konzept, das aus Sicht des Mittelalters schlüssig ist: Im Bischof vereinigen sich die drei Gewalten: Gesetzgebung, ausführende Gewalt und Rechtsprechung. Während in den einzelnen Staaten (zumindest in den meisten) schon längst die alten autokratischen Ordnungen abgelöst wurden durch den neuen Souverän, das Volk, ist das Volk Gottes (die Laien, der Leib Christi!) nach dem Kirchenrecht immer noch in der Untergebenen-Position (CIC 212 §1). Bis zum heutigen Tag. Was für ein Kontrast zur Lebenswirklichkeit der allermeisten Menschen!

Eine der dringendsten Forderungen vieler theologischer Fachleute ist deshalb die Gewaltenteilung innerhalb der Amts-Kirche. Die schon lang andauernde Missbrauchsproblematik innerhalb der Kirche hat diesen Ruf noch einmal verstärkt. Scheint doch dieses Problem auch mit der inneren Struktur der Kirche zu tun zu haben.

Die Fehlbarkeit der Priester ist Legion. Bischöfen wird mit ihrem Amt eine große Bürde aufgelastet. Manche scheitern daran. Auch so manche Päpste waren keine Idealbesetzung. Aber Kirchenämter sind kein Selbstzweck. Es sind Dienste in der Nachfolge Jesu. Die gleiche Würde aller Menschen vor Gott, Freiheit, Gleichberechtigung, Menschenrechte generell in der Kirche in Erinnerung zu halten, ist kein Sakrileg. Auch wenn manche das gerne so an die Wand malen. Eine religiöse Demokratie würde beides leisten: die Amtsträger entlasten und die Laien ermutigen, ihre Charismen einzubringen. Die Angst vor dem Souverän der Kirche, den Gläubigen, ist unbegründet.

Gebet der Stunde: Ich denke darüber nach, dass Angst und Untertänigkeit die Liebe zerstört.

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Befürchtung

Jesu Mutter

Maria

wie sie dich

gemalt haben

was sie von dir

vermittelt haben

wozu sie dich

gemacht haben

in ihrer Männertradition

ist das nicht

gewesen und immer noch

Opium für das Volk

der Frauen?

(Christel VOSS-GOLDSTEIN, aus: Christel VOSS-GOLDSTEIN (Hg.), Abel, wo ist deine Schwester)

Schon in der Urkirche begann man, den Weg zwischen dem Haus des Pilatus und der Kreuzigungsstelle auf Golgotha nachzugehen. Im 18. Jh. wurden die heute üblichen 14 Stationen von Rom abgesegnet. Dazwischen lag ein langer Entwicklungsprozess. So wurden im Lauf der Zeit biblische Inhalte mit legendenhaften Erzählungen der Volksfrömmigkeit verwoben. Wie schon die dritte Station kommt auch die vierte in der Bibel nicht vor…

Eine Besonderheit ist die Rollenverteilung von Männern und Frauen. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass es nur Frauen sind, die Jesus auf seinem letzten Weg begleiten? Und dass der einzige Mann, der erwähnt wird, unfreiwillig zum Handkuss kommt, und dessen erzwungene Hilfe auch im Titel der Station nicht erwähnt wird? „Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen“ klingt ja eher nach Mitleid und Solidarität unter Männern…

Es scheint fast so, dass hier die Volksfrömmigkeit den Frauen eine größere Mitleidensfähigkeit zugesprochen hat als den Männern. Dass Frauen auf Umwegen doch eine Zeugnis- und Verkündigungskompetenz zugestanden wird…

Und damit sind wir bei Maria, der Mutter. Die moderne feministische Theologie hat in den letzten 100 Jahren viele neue Zugänge zur Marienverehrung eröffnet. Besonders erhellend war die Erkenntnis, dass die Amtskirche in den letzten beiden Jahrtausenden großes Interesse hatte, Maria nicht als Vorbild, sondern als „Hoch“bild im Bewusstsein der Gläubigen zu verankern. Damit kam sie als „role model“ (Vorbild) für eine baldige und endgültige Emanzipation der Frauen in der Kirche nicht mehr in Frage… ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Die ursprünglichste, authentischste Marienverehrung scheint mir die der Urkirche zu sein. Und die ganz besonders im Magnifikat zum Ausdruck kommt. Maria die Prophetin, stolz, mutig, initiativ, kritisch, selbstbewusst und solidarisch. Die Jesu Worte hört und sie im Herzen bewahrt. So wird sie zum Urbild der Kirche. Der Frauen und der Männer.

Gebet der Stunde: Ich nehme das Blau des Himmels und die kleinen Dinge am Wegrand bewusst wahr

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

frauenfragen

wenn eine frau das WORT geboren hat

warum sollten frauen dann das wort nicht von der kanzel künden

wenn eine frau für ihr zuhören gelobt wird

warum sollten frauen dann das gelernte nicht auch lehren

wenn eine frau die füße jesu küsste

warum sollten frauen dann den altar nicht küssen können

wenn eine frau den leib christi salben konnte

warum sollten frauen dann nicht zum salbungsdienst befähigt sein

wenn eine frau jesu sinneswandlung durch ein brotwort wirkte

warum sollten frauen dann bei der wandlung nicht das brotwort sprechen

wenn eine frau von jesus krüge voller wein erbitten konnte

warum sollten frauen dann über einen kelch mit wein nicht auch den segen beten

wenn eine frau den jüngern als apostolin vorausging

warum sollten frauen dann zur apostelnachfolge nicht auch gerufen sein

(Andreas KNAPP, Orden der Kleinen Brüder, Leipzig)

Seit über 30 Jahren beschäftige ich mich nun mit dem Thema „Frau in der Kirche“. Viele kirchliche Dokumente habe ich dabei gesichtet. Und ich bin zur Überzeugung gelangt, dass Frauen immer wieder bewusst diskriminiert wurden und werden. Besonders bitter finde ich dabei, dass die biblischen Vorgaben großteils ignoriert wurden und werden.

Vor ein paar Jahren wurde ich gebeten, einen Artikel für den Pfarrboten zu schreiben – zum Thema „Frau in der Kirche“ (zu finden auf der Pfarrhomepage). Die Vorsitzende der katholischen Frauenbewegung der Diözese St. Pölten, die kurzfristig für einen Beitrag zu diesem Thema gewonnen werden konnte, bat ich um ein Feedback zu meinem Artikel. Ihre Antwort: „Das ist in Kirchen-Leitungs-Frauen-Kreisen alles wohl bekannt und auch Meinung. Ich finde es super, wenn dies ein Mann, ein PGR schreibt. Da wirkt es nämlich anders und bewirkt mehr, als wenn Frauen es tun. Wir werden da gleich gar nicht mehr eingeladen oder wahrgenommen, wenn wir dies so schreiben oder fordern würden.“ Dialog und respektvoller Umgang mit Frauen auf Augenhöhe sieht anders aus.

Maria von Magdala wird als „Apostelin der Apostel“ bezeichnet (per päpstlichem Dekret vom 3.6.2016). Maria, die Mutter Jesu, als „klarstes Urbild“ im Glauben und in der Liebe (2. Vatikan. Konzil) – und somit Vorbild für jeden Menschen, der Jesus vertrauensvoll nachzufolgen versucht. Es ist höchste Zeit, diese Aussagen der Gleichstellung von Mann und Frau in der Kirche praktisch umzusetzen. Denn entscheidend für die Kirche ist nicht die Situation des Anfangs (wer wem was sagt), sondern die Liebe des Anfangs….

Gebet der Stunde: Ich spüre den Fragen nach, woher ich komme und wohin ich gehe

5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Wenn der Glaube verdunstet

Viele beklagen, dass der Glaube verdunstet In unserer verweltlichten Zeit.

Verdunsten – das heißt doch: Wasser geht nicht verloren,

es verändert nur seinen Aggregatszustand.

Bei Frost wird es zu Eis, beim Sieden zu Dampf.

Was verdunstet, das verschwindet ja nicht spurlos im All.

Die frei schwebenden Wassermoleküle steigen auf, sammeln sich, bilden Wolken,

werden weitergetrieben vom Wind,

und irgendwann, wenn sie in kältere Gegenden kommen,

kondensieren sie und fallen wieder zur Erde als Regen, als Nebel, als Tau.

Vielleicht auch als Reif oder Schnee….

Und wie, frage ich mich, wie ist das nun mit dem „Verdunsten“ des Glaubens?…

Verändert der Glaube in unseren Zeitturbulenzen nur seinen Aggregatszustand?

Kommt er eines Tages, in zehn Jahren, bei unseren Enkelkindern wieder zurück,

wenn wir kräftig singen „Tauet Himmel den Gerechten“?

Ist diese Verdunstung ein Prozess, den wir aufhalten können?

Oder hat Gott ganz anderes mit uns vor?

(nach Hermann Josef COENEN, Freiheit, die ich meine)

Ein Satz vom Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz geht mir nicht mehr aus dem Sinn: „Ausgetretene nehmen ihren Glauben mit, um ihn in Sicherheit zu bringen.“ Wie schnell sind wir bei der Hand mit dem Urteil: „Das sind ja Ungläubige! Die machen’s sich bequem! Unsolidarisch!“ Neben dem Kirchenbeitrag stimmt der Austrittsgrund „Unzufriedenheit mit der Institution Kirche/Amtsträger“ (beide zu rund 40%) sehr nachdenklich. Mag auch manche eine gewisse Gleichgültigkeit zu diesem Schritt veranlassen, so sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr Menschen ausgetreten, die in der Kirche verankert waren und mit innerkirchlichen Entwicklungen nicht mehr mitkonnten. Ein gemeinsamer Nenner dieser Gründe: Die Pflicht, der Zwang, religiöse Vorschriften – und vor allem Gewalt (z.B. Zölibat, Ungleichbehandlung der Frauen, Sexualität mit Verboten geregelt, spiritueller und sexueller Missbrauch, Unterdrückung demokratischer Ansätze, Dialogverweigerung, usw. usf…).

Bei Simon von Cyrene ist es das römische Gesetz, das die Soldaten Zwang ausüben lässt. Und in der Kirche? Ist es tatsächlich gottgewollt, Menschen zu foltern und zu verbrennen wie im Mittelalter geschehen? Ist es im Sinne Jesu, Vorschrift um Vorschrift, Gebot um Gebot den Menschen auf die Schultern zu legen? Dagegen heißt es in der Bibel: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27, „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen…Meine Last ist leicht“ (Mt 11,28-30), „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12). „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal 5,1) Diese christlichen Fundamente sind der Maßstab. Gültig auch für jeden einzelnen Amtsträger in der Kirche.

Ich glaube nicht, dass der Glaube verdunstet ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass schon längst neue Wege der Nachfolge praktiziert werden. In, außerhalb und tw. gleich neben der Kirche…

Ein liebevoller Blick der Amtskirche auf diese Wege würde die Angst vor der „bösen“ Welt verringern helfen…

Gebet der Stunde: Das Leben lieben – das eigene und das der anderen

5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Zwischen Mystik und Politik

Immer eindringlicher zieht es mich

Hinab in die Krypta, zu den unterirdischen Quellen,

auf den Hocker der Meditation,

um Gottes Atem zu atmen im Rhythmus

von Ebbe und Flut.

Nur noch mühsam ertrage ich die Geschäftigkeit

Und die eitle Selbstinszenierung in den Kirchen,

die theatralischen Gesten, die gestelzten Worthülsen…

Statt dessen trete ich wie Elija immer häufiger

Auf den Berg, vor die Höhle,

und lausche der wortlosen Stimme

im Donner, im Beben, im Sturm,

im verschwebenden Schweigen des Windes,

wenn „Er“ vorübergeht.

Elija aber durfte nicht bleiben oben am Horeb…

Da war nichts mit „Hüttenbauen“ für eine Handvoll Erwählter.

Die Stimme wies ihn nach Damaskus, sechshundert Kilometer nach Norden.

Dort bei den heidnischen Baalen,

wo die Damaszenerschwerter geschmiedet wurden

für Rüstung und Waffenexporte,

dort sollte Elija sich einmischen in die Politik.

Drei Flugstunden von hier liegt Aleppo.

Und fünf Minuten zu Fuß vielleicht ein Ort des Elends und der Not.

(nach Hermann Josef COENEN, Freiheit, die ich meine)

Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“, sagte Jacques Gaillot, ein französischer Bischof. Das heißt:

 

Wenn die Amtskirche dieses Dienen nur von ihren „Schäfchen“ fordert, aber selbst nicht dazu bereit ist, predigt sie Wasser und trinkt Wein…

Wenn Kirche zu sehr um sich selbst kreist, wenn die Andacht und das Gebet für Notleidende aller Art wichtiger wird als die konkrete Nachfolge im Hier und Jetzt, dann ist es Zeit, neue Wege zu beschreiten…

Wenn Kirche zu viel Mitleid mit sich selbst hat und zu wenig mit den Menschen, wenn also zu wenig Sensibilität u. zu viel Sentimentalität vorhanden ist, dann ist es Zeit, (selbst)kritische Fragen zu stellen…

Wenn Kirche das Kirchenrecht, die Liturgieverordnung, den Grad der Weihe, die Tradition, usw. wichtiger erachtet als den Dienst am fragenden, zweifelnden, suchenden Menschen, lebt sie am Evangelium vorbei…

Wenn Kirche den Menschen ständig Umkehr predigt, aber selbst nicht zu Wandlung, Dialog und Erneuerung bereit ist, wird die Jesus-Botschaft für die Menschen nicht mehr glaubwürdig sein…

Wenn dagegen Kirche nicht die Mystik gegen die Politik ausspielen würde, die „Nach-innen-Schau“ nicht wichtiger wäre als der sorgenvolle, einfühlsame Blick auf die Welt: Dann würde etwas von diesem Reich Gottes, diesem LebensbeReich Gottes erahnbar und das Aufatmen könnte beginnen…

Gebet der Stunde: Ein gutes Wort für den Nachbarn/den Fremden/den Nächsten haben

6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Die Gefahr der Nächstenliebe

Die Gefahr der Nächstenliebe besteht darin, in Gleichgültigkeit dem Nächsten gegenüber zu verfallen, sich nicht der Anstrengung zu unterziehen aufzuspüren, was an ihm liebenswert ist, was an ihm anziehend ist; denn jeder Mensch hat irgendetwas, was an ihm liebenswert ist, weil Gott ihn liebt. Es ist nicht genug zu sagen: „Ich liebe ihn, weil Gott das so will, weil es das Evangelium so befiehlt.“ Oder noch schlimmer: „Ich liebe ihn, um Verdienste zu sammeln.“ Jemand, der in einem Altersheim von Ordensfrauen zwar gut, aber spürbar in diesem Geist gepflegt wird, hat mit einmal gesagt: „Ich habe den Eindruck, die Schwestern benützen mich als Instrument, um Verdienste zu sammeln, damit sie später im Himmel ihre Vorteile genießen können. Ich bin für sie nur ein Mittel zum Zweck.“

Das ist furchtbar! Ganz furchtbar!

(aus: Henri BOULARD, Mystische Erfahrungen und soziales Engagement)

Wieder ist es eine Frau, die Jesus einen Liebesdienst erweist. Auch wenn diese Kreuzwegstation ebenfalls „nur“ Legende und der Volksfrömmigkeit entsprungen ist: Sind es nicht immer wieder und vor allem die Frauen, die in der Kirche Handgriff um Handgriff, Dienst um Dienst, Aufgabe um Aufgabe übernehmen? Oft unbedankt, wohl gelitten, solange sie ihre von Männern zugeordnete Rolle nicht überschreiten wollen. Wie viel Herzblut stecken sie in das Schmücken der Altäre und Kirchen, das Vorbereiten der liturgischen Gegenstände, die Reinigung der Kirchen und Pfarrzentren, das Austragen und Einsammeln rund um caritative und pfarrliche Aktionen, das Betreuen von Menschen aller Altersgruppen in den Pfarren, die Kirchenmusik, die Feier der diversen Liturgien, an denen sie weit überproportional teilnehmen, und vieles, vieles mehr…

Und was reicht die Amtskirche den Frauen? Das Schweißtuch nach getaner Arbeit? Und was den wiederverheirateten Geschiedenen? Den am Zölibat Zerbrechenden? Den Priesterkindern? Den laisierten Priestern? Und den Homosexuellen? Den Christen anderer Konfessionen? Den kritischen Geistern? Den Befreiungstheologen? Den „Nestbeschmutzern“, die es wagen, visionäre neue Wege anzudenken?…

Ich fürchte, in vielen Fällen ist es bloß das Kirchenrecht, der Katechismus, das Lehramt, das die Betroffenen zu spüren bekommen. Das ihnen hingehalten wird zur Erklärung der ablehnenden Haltung der Amtskirche in den jeweils strittigen Fragen. Entworfen wurden diese Texte in einer von Männern geprägten Kirchenstruktur. Natürlich auf der Basis der Bibel – aber schimmert die noch genügend durch?

Viele Menschen erleben diese Haltung der Amtskirche als Hinhaltetaktik und lehnen sie deswegen kategorisch ab. Kleingeist statt Menschenfreundlichkeit. Das Schweißtuch bleibt im Ärmel stecken. Das Liebenswerte am Geschöpf Gottes ist scheinbar nicht liebenswert genug. Keine echte Anstrengung wert.

Wo sind die Konzepte, wo ist das Krisenmanagement? Muss der amtskirchliche Stress so auf die Spitze getrieben werden, dass sich das biblische Gleichnis umdreht? Dass aus dem einen verlorenen Schaf 99 werden müssen? Wen wird man ausschicken, um zu sammeln, was verloren gegangen ist?

Gebet der Stunde: Meinen Ärger, meinen Zorn, meine Ohnmacht Gott hinhalten

6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Wusstest du schon

Wusstest du schon,
dass die Nähe eines Menschen
gesund machen, krank machen, tot und lebendig machen kann?

Wusstest du schon,
dass die Nähe eines Menschen
gut machen, böse machen, traurig und froh machen kann?

Wusstest du schon,
dass das Wegbleiben eines Menschen
sterben lassen kann,
dass das Kommen eines Menschen wieder leben lässt?

Wusstest du schon,
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt, der für alles taub war?

Wusstest du schon,
dass das Wort oder das Tun eines Menschen
wieder sehend machen kann,
einen, der für alles blind war, der nichts mehr sah,
der keinen Sinn mehr sah in dieser Welt und in seinem Leben?

Wusstest du schon,
dass das „Zeithaben“ für einen Menschen
mehr ist als Geld, mehr als Medikamente,
unter Umständen mehr als eine geniale Operation?

Wusstest du schon,
dass das Anhören eines Menschen Wunder wirkt?
Dass das Wohlwollen Zinsen trägt,
dass ein Vorschuss an Vertrauen hundertfach auf uns zurückkommt?

Wusstest du schon,
dass DU dieser Mensch sein kannst?

(aus: Wilhelm WILLMS, Der geerdete Himmel)

Ein Schlüsseltext christlichen Lebens…

Wüsstest du schon, dass das Ziel der Kirche nicht die Kirche ist, sondern der Mensch?

Gebet der Stunde: Ich beginne mit einem kleinen Wunder: Ich bringe jemand zum Lächeln

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Religion und Gewalt

Es lässt sich nicht leugnen: Viele Jahrhunderte lang sahen Christen im Beistand Gottes eine Hilfe zum Sieg über ihre Feinde – beginnend mit Konstantin („In diesem Zeichen wirst du siegen!“) über die Kreuzritter („Deus lo vult!“ – „Gott will es!“) bis hin zu den deutschen Soldaten beider Weltkriege („Gott mit uns!“). Jahrhundertelang gab es im Christentum auch Gewalt nach innen. Konnte man Angehörigen anderer Religionen unterstellen, sie hätten von der Wahrheit des Christentums noch nicht Kenntnis nehmen können, so galt eben dies für Apostaten (= vom Glauben Abgefallene), Ketzer und Häretiker gerade nicht. Ihnen billigte beispielsweise Thomas von Aquin weder die Freiheit des Gewissens noch religiöse Toleranz zu, da sie ja um die Wahrheit des christlichen Glaubens wussten. Die blutigen Konsequenzen dieser Auffassung reichen von der Hinrichtung Priscillians in Trier (385 n. Chr.) über die Spanische Inquisition bis hin zu den Hussitenkriegen und den Konfessionskriegen der nachreformatorischen Zeit – auch wenn gerade für letztere oft politische oder gar ökonomische Motive maßgeblich waren.

(aus: Dirk ANSORGE, Gewalt im Namen des Christentums?)

Der „zweite Fall“ der Kirche besteht meines Erachtens darin, dass (inner)kirchliche Gewalt ein fixer Bestandteil der Kirchengeschichte zu sein scheint. Das ist nicht nur ersichtlich an den Themen, die Dirk Ansorge (s.o.) beschreibt, sondern vor allem an der sublimen Gewalt, die z.B. bei Angstpredigten, Dialogverweigerung oder spirituellem Missbrauch zu Tage tritt.

Der 2000-jährige Einsatz der Kirche für den Frieden hat einen unverzichtbaren Beitrag geleistet zum Aufbau des Abendlandes. Hat immer wieder staatlichen Gewaltbereitschaften entgegengewirkt. Hat sich um die Umsetzung der jesuanischen Grundsätze, insbesondere der Nächsten- und Feindesliebe bemüht.

Umso befremdlicher ist es dann feststellen zu müssen, dass die Kirche auf vielfältige Weise versuchte und immer noch versucht, Druck auszuüben, Schuldgefühle zu wecken, Abhängigkeit von kirchlichen Strukturen hervorzurufen. Niemand landet zwar mehr auf dem Scheiterhaufen oder braucht sich vor der Androhung der Folter zu fürchten (von Papst Innozenz IV. 1252 befürwortet), um religionskritische Ansichten zu ächten. Aber sind die unterschwelligen Drohbotschaften tatsächlich Vergangenheit? Ist Beichtpflicht vor Erstkommunion und Firmung vertrauensstiftend? Sonntagspflicht? Wie erleben wohl Menschen, die homosexuell, wiederverheiratet, zölibatär vereinsamt, spirituell missbraucht,… sind, die Haltung der Kirche? Sind das nicht alles geistige Scheiterhaufen, Pranger, Entwürdigungen, Foltermethoden der Neuzeit? Ist nicht Dialogverweigerung die sublimste Form der Macht- und Gewaltausübung? Das Totschwiegen und Aussitzen all der Themen, die den Menschen guten Willens unter den Fingernägeln brennen?

„Niemand in der Kirche, auch nicht der Bischof, weiß besser als andere, was Gott will und niemand hat den Anspruch, einem Menschen zu sagen, was er zu tun und was er zu lassen hat, wenn es um den persönlichen Glauben geht. Wenn die Kirche das ernst nehmen würde, dann hätte sie eine andere Struktur – eine, die Missbrauch besser verhindert… Die Kirche muss sagen, dass Menschen, die meinen, anderen verbindlich mitteilen zu müssen, was Gott will, gefährlich sind, Gläubigen Schaden zufügen und in der Kirche keine pastoralen Aufgaben übernehmen können“ (Doris Wagner, Wie Gläubigen die geistliche Selbstbestimmung geraubt wird). Selig, die keine Gewalt anwenden. Selig, die Frieden stiften (Mt 5,5.9) Die Sehnsucht nach einer Kirche ohne Gewalt ist groß.

Gebet der Stunde: Ich denke darüber nach, ob mich mein Gebet fähiger macht zu leben.

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

WER SCHWEIGT, STIMMT ZU!

5.3.2019, Doku auf ARTE, Titel: „Gottes missbrauchte Dienerinnen“ (https://vimeo.com/352984658))

Inhalt:

Der Missbrauch von Ordensschwestern durch Priester. Betroffene Nonnen aus 23 Ländern und 5 Kontinenten erzählen von ihren leidvollen Erfahrungen.

Erschütternde Details (u.a.):

  • Priester legen Nonnen, die sie geschwängert haben, Abtreibung nahe
  • Nonnen, die die Kinder zur Welt brachten, wurden aus dem Orden ausgeschlossen
  • Zwei Berichte von Ordensfrauen an den Vatikan zeigten keine Reaktionen
  • Die strafrechtlichen Taten wurden von der Kirche nie bei der Polizei angezeigt

Fazit:

  • Warum stellte man sich in Rom nicht der Verantwortung? Warum das Schweigen?
  • Gestern sexuelle Übergriffe gegen Kinder, heute der Missbrauch von Nonnen. Und wo bleiben die dringend nötigen Reformen?
  • Entspricht das Frauenbild der Kirche den Menschenrechten?
  • Ist die Zeit noch immer nicht reif für ein Aufbrechen der Macht- und Autoritätsstrukturen in der Männerkirche? Ist der Missbrauch im Namen der Religion nur ein Kavaliersdelikt?
  • Sind die Ehelosigkeit des Priesters und die Nichtweihe von Frauen zu Diakoninnen und Priesterinnen gottgewollt?

Also wieder ein Grund mehr, der Kirche den Rücken zu kehren?

Ich meine: Nein, denn dann würde wieder eine kritische Stimme mehr innerhalb der Kirche fehlen. Und das würde denen in die Hände spielen, die im Namen der kirchlichen Autorität diese Übergriffe und den Missbrauch decken.

Also: Eintreten und auftreten für die Betroffenen statt austreten!

Vor genau zwei Jahren habe ich diesen Leserbrief für den Pfarrboten geschrieben. Erschüttert über diese Doku wollte ich damit meiner Betroffenheit Ausdruck verleihen.

Natürlich gibt es auch sehr viel Positives in der Kirche. Gott sei Dank. Und ja, es stimmt, dass in Sachen Missbrauch und Gewaltprävention erste Schritte in den einzelnen Landeskirchen in Angriff genommen wurden. Aber wie spät! Und bei weitem noch nicht ausreichend! Wie viel Leid wurde zugefügt! Wie viel spiritueller und sexueller Missbrauch, wie viele Traumatisierungen haben stattgefunden! Wie viel Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer wurde ausgeübt! Wie viel kirchliche Autorität wurde missbraucht, wie lange wurde geschwiegen, unter den Teppich gekehrt und vertuscht! Nein, es ist kein rein kirchliches Problem. Diese Übergriffe passieren auch in der Gesellschaft, vor allem im familiären Rahmen. Aber Entschädigungs- und Therapiezahlungen für die Opfer können nur die eine Seite der Aufarbeitung dieses Problems sein. Versetzung in eine andere Pfarre, Pensionierung oder Aussitzen bis zur Verjährung der Straftaten sind zum Himmel schreiende Fehlverhalten der Amtskirche. Strukturreformen sind unweigerlich von Nöten! Transparenz, Kontrolle und rechtsstaatliche Standards bleiben der Kirche nicht erspart! „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh 8,32)

Gebet der Stunde: Ich schweige nicht, wo meine Stimme nötig ist (Schweigen ist nicht immer Gold)

8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

KLEINE FRAU, WAS NUN?

„Roma locuta, causa finita.“ Nach diesem Rechtsgrundsatz regierten die alten Römer ihr Weltreich. Mit Erfolg.

So übernahm auch die römische Kirchenleitung diese Regel in ihr Kirchenrecht.

Lange Zeit ebenfalls mit Erfolg. „Wenn Rom gesprochen hatte, war die Sache entschieden.“

Pfingsten 1994 sprach Rom wieder: „Damit jeder Zweifel beseitigt wird, erkläre ich Kraft meines Amtes,

die Brüder zu stärken, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat,

Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen

der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“

Kleine Frau, was nun? Die Männerkirche hat gesprochen…

Statt wie in früheren Zeiten die römische Entscheidung ergeben hinzunehmen

und die Diskussion zu beenden, geht die Auseinandersetzung jetzt richtig los.

Die katholische Jugend protestiert, und die katholische Frauenbewegung,

Pfarrgemeinderäte,…. Ordensfrauen und Theologieprofessoren. Nur die Bischöfe schweigen

und machen sich ihre Gedanken. Die Zeiten haben sich geändert.

Macht und Tradition allein ist noch kein Argument.

Das Volk Gottes wird mündig und stellt unbequeme Fragen:

Wenn Jesus damals nur Männer als Apostel gewählt hat, so sagt man/frau,

dann dürfte es konsequenterweise heute nur zwölf Bischöfe geben, nicht mehr.

Und sie müssten alle Juden sein, beschnitten. Und im Erstberuf Fischer und Zollbeamte.

Und verheiratet wie Petrus. Muss man die Bibel so wörtlich nehmen?

Kleine Frau, was nun? Lass dich nicht weiter kleinmachen, denn du bist nicht klein.

Deine Würde hast du von Gott. Lass dir nicht den Mund verbieten. Mach ihn auf.

Du stehst nicht allein da. Viele Frauen und auch Männer warten auf dich…

(aus: Hermann Josef COENEN, Freiheit, die ich meine)

  1. Jh. Konzil von Konstanz. Ab jetzt gibt es die Kommunion nur noch in 1 Gestalt (Hostie). Man nimmt sich das Recht, die Bibel, Jesu Vermächtnis, sehr weit zu interpretieren. Und im Umgang mit den Frauen? Wo bleibt da die Unterscheidung zwischen zeitbedingten Aussagen und gültig bleibendem Geist?

In der Antike und im Mittelalter unterstellte man der Frau Bosheit, in der Neuzeit Minderwertigkeit, um sie dem Mann unterordnen zu können. Die jüdisch-christliche Tradition hat diese Einschätzung mitzuverantworten oder sich zumindest nicht dagegen gewehrt. Im 19. Jh. kommt dann noch die Polaritätsthese in Mode, die besagt: Frau und Mann haben den gleichen Wert, aber unterschiedliche Rollen. Frau: Kinderkriegen, Erziehung, Haushalt, Dienen,… Mann: Herrschen, Regieren, Machtausüben,… Da diese Rollen aber gleichzeitig die Frau dem Mann unterordnen, ist eine zeitgemäße Gleichberechtigung damit verunmöglicht.

Das Ziel kann nur die Integration, die volle Gleichberechtigung von Frau und Mann sein, wo es nicht mehr nötig ist, die herrschende Männerrolle mit so unsäglichen Argumenten abzusichern wie: „Frauen sollen sich nicht um das Priesteramt bemühen, denn höher als dieses ist allemal das Dienen und die Liebe.“ (Kongregation für die Glaubenslehre, 1976) Und das Amt in der Kirche ist kein Dienst in der Liebe??? Welch ein Widerspruch!

Roma locuta, causa finita? Nein, diese Zeit ist endgültig vorbei. Die Kirche an der Basis ist Rom in diesen Fragen schon Jahrzehnte voraus. Ihre Kritik ist spirituell genährt und gestützt. Geprägt von der Liebe zum Leben.

„Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Die Gleichheit, von der Paulus hier spricht und die mit der Taufe begonnen hat, ist allen unauslöschlich eingeprägt.

Gebet der Stunde: Ich frage mich, ob ich heute Rollenklischees hinterfragt habe.

8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Beim Gehen predigen

Von Franz von Assisi erzählt man folgende Geschichte: Eines Tages schlug er einem jungen Mönch vor: wir wollen in die Stadt gehen und dort den Leuten predigen. So machten sie sich auf den Weg nach Assisi, und sie gingen durch die Straßen und über den Marktplatz und unterhielten sich dabei über ihre geistlichen Erfahrungen und Erkenntnisse.

Erst als sie wieder auf dem Weg nach Hause waren, rief der junge Mönch erschrocken aus: „Aber Vater, wir haben vergessen, den Leuten zu predigen!“ Franz von Assisi legte lächelnd die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Mein Sohn“, antwortete er, „wir haben die ganze Zeit nichts anderes getan. Wir wurden beobachtet und Teile unseres Gesprächs wurden mitgehört. Unsere Gesichter und unser Verhalten wurden gesehen. So haben wir gepredigt.“ Dann fügte er hinzu: „Merke dir, mein Sohn, es hat keinen Sinn zu gehen, um zu predigen, wenn wir nicht beim Gehen predigen.“

(aus: Willi HOFFSÜMMER, Kurzgeschichten 3)

Es ist zum Weinen: da wird in der Kirche gepredigt und gepredigt, und keiner ist da, diesen Worten zu lauschen! „Da kann man halt nichts machen! Selber schuld, wenn die Menschen auf das viele Gutgemeinte verzichten! Ich habe getan, was ich konnte!“

Nun mag man über so manche Predigtinhalte geteilter Meinung sein, und manchmal kommen auch Aussagen vor, denen man gerne lautstark widersprechen möchte. Aber die eigentlichen Gründe, warum Menschen ihre Zuhörerschaft verweigern, liegen wohl wo anders.

Die Geschichte von Franz von Assisi kann uns helfen, diese Gründe zu verstehen. Franz geht mit dem jungen Mönch in die Stadt. Sich dorthin aufmachen, wo die Menschen sind. Wo sie zusammenkommen. Wo sie ihre Alltagsbesorgungen machen. Flagge zeigen, Nachfolge konkret werden lassen. In Coronazeiten braucht es dazu natürlich viel Kreativität und Phantasie. Dann wird der Lebensraum der Menschen gleichzeitig zum Kirchenraum.

„Unsere Gesichter und unser Verhalten wurden gesehen.“ Ein einfacher Gruß. Augenkontakt. Das Interesse am Menschen bekunden. Nicht einfach vorübergehen und auf geschäftig tun. Also „nicht den Pfarrer/Pfarrmitarbeiter raushängen lassen“, sondern den Menschen, der hoffentlich Freude am Leben hat und Freude an der Begegnung. Der die Menschen gern hat. Der Umgang mit anderen im Alltag ist dann pure Liturgie in der Wahrnehmung der Menschen.

„Wir wurden beobachtet und Teile unseres Gesprächs wurden mitgehört.“ Ins Gespräch kommen. Einfühlsam. Das gegenseitige Zuhören einüben. Die Menschen zur Sprache kommen lassen. Auf das hören, was die Menschen bewegt. Aufbauen, ermutigen, trösten. Sorgen und Lasten mittragen. Freude am Reichtum des Lebens wecken. Die Dinge beim Namen nennen.

Eine Kirche, die sich hauptsächlich mit den Fragen beschäftigt: „Wozu bist du brauchbar in der Kirche?“ „Was könntest du übernehmen?“ und die die Menschen erst dann wahrnimmt, wenn sie sich aktiv ins Pfarrleben einfügen, wird diese Menschen in die Flucht schlagen. Erst wenn sie wieder die Frage stellt: „Wer bist du als Mensch, als Person?“, sich dem Menschen ohne Wertung, ohne Vorurteile öffnet, zuhört, Vertrauen aufbaut, hat sie als Institution einen Sinn. Wer so fragt, weiß, was predigen heißt. Nämlich ins Gespräch kommen. Das gemeinsame Suchen, Fragen und Zweifeln zur Sprache bringen. Ehrliche Rückmeldungen erbitten. Wie die weinenden Frauen dorthin gehen, wo es wehtut… Für den steht nicht der Einzug des Priesters am Beginn der Liturgie im Mittelpunkt, sondern der Einzug des Volkes.

Gebet der Stunde: Darauf vertrauen, dass Gott in jeder offenen, ehrlichen Begegnung anwesend ist.

9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Meinen Lesern

Ich weiß nicht, ob ich ankommen werde

bei einem Menschen oder bei Gott.

Ich gehe. Und wo ich niederfalle

vor Erschöpfung, um auszuruhen,

oder zuletzt, um zu sterben,

fall ich und sterbe ich als Zeuge

vieler Begegnungen.

Meine Gefährten

sind nach jeglicher Himmelsrichtung –

zu Wasser, zu Land, in der Luft und im Feuer –

unterwegs.

Auch in der Finsternis.

(aus: Christine BUSTA, Der Atem des Wortes. Gedichte)

Jesus – ein Mensch der Begegnung. Der Gespräche. Der Kommunikation.

Seine Gefährten: Fischer, Zöllner, Pharisäer, Schriftgelehrte, Frauen, Ausgestoßene, Menschen 2. Klasse.

Sein Grundsatz: liebevoller Umgang mit allen. Ob Herrscher oder Untertan, ob Gläubiger oder Ungläubiger, ob Sünder oder Gerechter.

Sein Ziel: Gefährte sein. Freund. Liebender.

Der „dritte Fall“ der Kirche besteht meiner Meinung nach in der Dialogverweigerung. In der Haltung, dass Verordnungen wichtiger sind als Begegnungen. Dass Urteile über „die Anderen“ möglich sind, ohne das Gespräch zu suchen. Und dass Predigen und Verkünden ohne Hören auf die Adressaten Sinn macht.

Eine Seelsorge, in der keine Zeit mehr ist für substantielle Gespräche (aus Zeit- oder anderen Gründen), mit Berührungsängsten gegenüber Andersdenkenden, ist Seelsorge ohne Seele.

Im Dialog mit kritischen Geistern, mit anderen Konfessionen und Religionen, in der Begegnung mit Atheisten und Ausgetretenen kommt das zur Sprache, was in der katholischen Kirche im Zentrum steht: der Mensch.

Warum ist die Kirche noch nicht einmal vollwertiges Mitglied des ökumenischen Rates der Weltkirchen? Warum glaubt man immer noch, Reformwilligen begegnen zu müssen mit dem Verweis auf Kirchenrecht und Tradition? Warum ist der Dialogwunsch über Strukturveränderungen fast schon ein Sakrileg? Und warum reagieren kirchliche Verantwortungsträger auf Kritik mit Majestätsbeleidigung?

Ich vermute, dass diese und ähnliche Dialogverweigerungen damit zu tun haben, dass inhaltliche Argumente fehlen. Und weil sich die Kirche im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt. Dabei handelt es sich hier um ein klassisches Missverständnis, eine Verwechslung zwischen Auftrag und Besitz.

Wir sind beauftragt, die Wahrheit zu suchen – ein Leben lang („Ich weiß nicht, ob ich ankommen werde bei einem Menschen oder bei Gott“)! Glaubensgeheimnissen auf der Spur zu sein! Miteinander unterwegs zu sein, zu erahnen, was Menschsein bedeuten könnte!

Wer sich im Besitz der Gnade, der Wahrheit wähnt, kann leicht dem Wahn verfallen, über Gott verfügen zu können. Wäre die Kirche Sucherin der Wahrheit – was für ein Gewinn!

Ignaz Zangerle schreibt über Christine Busta: „Sie ist ergriffen von der Sakralität, die dem Dasein als solchem schon innewohnt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Gebet der Stunde: Ich werde mir mitten in einem Gespräch bewusst, dass Gott anwesend ist.

9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Wasser predigen und Wein trinken

Oft genug wiederholt, klingt der Satz doch fast schon biblisch…

Gebet der Stunde: Ich trinke bewusst ein Glas Wasser…

10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Nie hab ich dich gesucht

Nie hab ich dich gesucht.

Stets warst du hinter mir her,

Verführerin Gott,

die mir den Kopf verdreht,

die leise singt in mir

wie leuchtende Finsternis,

die mich oft auch zurechtweist,

blad traurig, bald lächelnd:

eine strenge Geliebte,

eine maßlos Liebende.

(aus: Kurt MARTI, Ungrund Liebe. Klagen Wünsche Lieder)

„Dem Christentum ist es von Anfang an nicht gelungen, ein unbefangenes Verhältnis zur Sexualität zu gewinnen,“ sagt Herbert Haag in seinem Buch „Stört nicht die Liebe. Die Diskriminierung der Sexualität – ein Verrat an der Bibel“. Und so wurde die Sexualität lange Zeit abgewertet und dämonisiert. Das Sexualverhalten der Menschen wurde reduziert auf Lust, Begierde, Triebverhalten. Wie es dazu kam? Wichtige Persönlichkeiten der Kirchengeschichte haben die Sexualmoral wesentlich mitgeprägt. So z.B.:

Paulus (1.Jh.): Um sich als Mensch ganz dem Heiligen widmen zu können, müssen Ehe und Sexualität als Störfaktor ausgeschaltet werden.

Athenagoras (2.Jh., 1. Kirchenvater): Geschlechtsverkehr ist nur zur Zeugung erlaubt.

Augustinus (5.Jh.): Geschlechtliche Lust ist Sünde. Die Frau ist die Begierde in Person, dem Mann ist die Weisheit inne. Die Erbsünde und der Geschlechtsakt stehen in Verbindung.

Thomas von Aquin (13.Jh.): Die „Glut der Begierde“ ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar.

Materia-gravis-Lehre (17.Jh.): Alle sexuellen Verfehlungen (was Verfehlungen sind, bestimmt die Lehre der Kirche) sind ihrer Natur nach schwere Sünden (= materia gravis).

  1. Deharbe (Jesuit, Mitte des 19. Jh.): 6. Gebot = Du sollst nicht Unkeuschheit treiben (Die Interpretation, was „unkeusch“ ist, bleibt den Beichtvätern (!) überlassen).

Ähnliches findet man zu den Themen Homosexualität, Selbstbefriedigung, vorehelichen Geschlechtsverkehr, eheliche „Pflicht“, Scheidung, Familienplanung, Zölibatsbegründung, …

Das 2. Vatikanische Konzil versuchte einen zeitgemäßeren Zugang zu diesen Themen zu finden. Die letzten Jahrzehnte haben allerdings gezeigt, dass noch viel zu tun ist. Scheinen doch die Missbrauchsfälle vom Wesen her mit dem kirchlichen Umgang mit Sexualität untrennbar verknüpft zu sein, also mit Tabuisierung, Verdrängung und Gehorsamsdenken.

Was im kirchlichen Rahmen an Bloßstellung vieler Menschen rund um das Thema Sexualität und an Beraubung der Menschenwürde passiert ist, ist schwer zu ertragen. Was es u.a. bräuchte: statt normativen Regelungen Betonung der Grundwerte Liebe, Treue, (Gewissens)Freiheit, Würde und Menschenrechte. Statt sich einmischen, urteilen und richten: Vertrauen setzen in die gegenseitige Wertschätzung und den Respekt. Und in die Lust und die Sexualität des Menschen. Glaube, Schöpfung, Lust und Kirche gehören zusammen. Menschwerdung Gottes – das heißt Wertschätzung des ganzen Menschen. Eine Liebeserklärung der besonderen Art.

Gebet der Stunde: Wenn ich einen Menschen berühre, berühre ich den Himmel (Novalis)

10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Menschenfischer

Vor einiger Zeit hatte der Rhein Hochwasser. Weite Wiesen und Mulden waren überschwemmt. Als das Wasser weitgehend gesunken war, sah ich Bauern mit Wagen, auf denen Wannen und Fässer geladen waren, in die Wiesen fahren. Neugierig folgte ich ihnen.

Da hielten sie an einer flachen Wassermulde, in der Fische aufgeregt platschend hin und her schwammen; sie suchten vergeblich nach einem rettenden Ausweg. Weil ich den Bauern in ihren Gummistiefeln nicht folgen konnte, fragte ich einen: „Was machen sie da? Fangen sie sich Fische?“ Der antwortete: „Ja, wir machen das, was Jesus mit dem Wort „Menschenfischer“ meinte: Wir sammeln sie ein; aber nicht für uns, sondern wir bringen sie dann zum Fluss, um sie dort auszusetzen.“

(aus: Willi HOFFSÜMMER, Kurzgeschichten 5)

Bei einigen religiösen Sondergemeinschaften stolpert man über den Begriff flirty fishing, der bedeutet, dass neue Mitglieder mittels Flirten „gefischt“ werden sollen. Eine unlautere Taktik, weil sie mit den Gefühlen von Menschen spielt. Das Christentum weist leider auch punktuell die Tendenz auf, mit den Gefühlen ihrer Mitglieder zu spielen. Im Gegensatz zum flirty fishing allerdings mit dem Gefühl der Angst. Manche werden jetzt vielleicht sagen, ja, aber Gott sei Dank ist die Zeit der Höllenpredigten längst vorbei und die Kirche hat dazugelernt. Ja. Und nein: Die Ängste von Missbrauchsopfern (vor unfehlbaren Autoritäten?), von kirchlich Angestellten (führt Kritik oder „unsittliches“ Leben zur Entlassung?), von Gläubigen in der Gemeinde (Gerichtspredigten statt Höllenpredigten, (Über)Betonung der Sünde und ihrer Folgen), usw. sind sehr real.

Wenn göttliche Strafen für irdische Sünden in Aussicht gestellt werden, wird ängstliches Verhalten hervorgerufen. Wo psychische Abhängigkeiten aufgrund von Autoritätsmissbrauch ausgenutzt werden, ist Angst im Spiel. Ist die alte, rabenschwarze Pädagogik der Angst wirklich überwunden? „Gott ist gerecht, weil er das Gute belohnt und das Böse bestraft, wie es ein jeder verdient.“ Wer so redet, missbraucht Gott. Ich denke, dass auch dort Missbrauch in der Kirche stattfindet, wo im Namen eines strafenden Gottes Macht ausgeübt wird. Menschenfischern dieser Art sollte man entschieden entgegentreten und sie erinnern an das Gottesbild Jesu.

Jesu Verständnis von „Menschenfischer“ lässt sich ableiten aus dem Aramäischen. Und bedeutet dort auch Lebensretter. „Menschenfischer“ im Sinne Jesu zu werden, hieße von daher: Dafür zu sorgen, dass das Leben der Menschen Bestand hat.

Der Trick, erst Ängste zu erzeugen, um dann die Erlösung von ebendiesen Ängsten versprechen zu können, funktioniert nicht mehr. Um im Bild zu bleiben: Wenn die ganze Welt von der (Amts)Kirche zum Tümpel erklärt wird und, in Ermangelung eines lebendigen Flusses, die (Amts)Kirche zum einzigen Fluss, der zum Ozean (= Gott) führt, dann fischt man Menschen zum eigenen Bedarf. „Zum Fluss bringen“ ist etwas anderes: Dem Menschen die Liebe zum Leben, zur eigenständigen Gestaltung wecken helfen.

In Jesu Gottesbild ist nichts mehr, was Menschen bedroht und lähmt oder Schrecken verbreitet. Für ihn ist Gott bedingungslose Liebe, Liebe ohne Schatten. Das hat er gelehrt, in dem, was er gesagt und getan hat und wie er mit den Menschen umgegangen ist.

Gebet der Stunde: Trauer und Schmerz sind die Grundgebete des mitfühlenden Menschen.

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Anweisung (für Christen) zur Auferstehung (Ausschnitt Teil 1)

  1. lass dich festnageln

und bleib nicht unverbindlich

  1. schrei laut

wenn man dich aufs kreuz gelegt hat

lass dich nicht totschweigen

nur laut und deutlich kannst du den geist aushauchen

artikuliere den geist

in einer sprache

wie sie auf der straße

gesprochen wird

nur wer sich festnageln

und kreuzigen lässt

kann den geist aushauchen

ausströmen

sturm entfachen

pfingststurm

(aus: Wilhelm WILLMS, der geerdete Himmel, Wiederbelebungsversuche)

Dieser Text vom Priester und Dichter Wilhelm Willms ist mir schon mehr als drei Jahrzehnte ein treuer Begleiter – als Religionslehrer und als Suchender.  Bereits 1974 geschrieben, betrachtet Willms in zehn Strophen das Geschehen um den Tod und die Auferstehung Jesu und sucht die Bilder und Worte der biblischen Passions- und Auferstehungsberichte in unseren Alltag hinein zu übersetzen.

Mir war und ist dieser Text immer wieder Ermutigung zum offenen Eintreten für die „Sache“ Jesu. Für das, was einer lebendigen Gemeinschaft zuträglich und auch zumutbar ist. Im Laufe meiner kirchlichen Tätigkeit habe ich dabei viel Zuspruch erhalten, vor allem von Jugendlichen. Aber nicht immer war diese Geradlinigkeit gern gesehen. Schon zu Studienbeginn gab es z.B. rund um die „Causa Krenn“ heftige Auseinandersetzungen. Damals hab ich gelernt: Feedback geben in der Kirche ist manchmal nur dann erwünscht, wo es angenehm ist. Ehrliche Kritik hat gelegentlich heftige Gegenwehr ausgelöst. Ich habe mir trotzdem angewöhnt, die Dinge beim Namen zu nennen. Für mich ist das konkrete Nachfolge: Verbindlich sein, bei dem, was für mich richtig ist, und das auch sagen, dazu stehen, sachlich (so gut ich es schaffe), mit Humor, nicht kränkend oder beleidigend. Einen klaren Standpunkt haben, selbst wenn die anderen mich belächeln…

Ich habe gelernt, dass kirchliche Einrichtungen sehr viel Wert legen auf (Kirchen)Recht und Tradition. Und nicht immer Verständnis haben für kritische Fragen und neue Ideen – außer diese sind traditionskonform. Rasch wird einem manchmal die Liebe zur Kirche, zur Gemeinschaft der Gott-Suchenden abgesprochen.

Aber: Wenn ich als Christ schweigen würde, würde ich meine Überzeugung verleugnen. Unrecht muss Unrecht genannt werden können, was falsch ist, ist falsch. Nicht alles in dieser Welt und in der Kirche ist gut. Mein Motto: Wer schweigt, stimmt zu. Meine feste Überzeugung ist: Wenn ich etwas ändern will, muss ich die Ursachen aufarbeiten, die Hintergründe beim Namen nennen. Ich bemühe mich dabei, mit Worten behutsam umzugehen. Es gelingt nicht immer. Aber es braucht klare Worte, manchmal auch Klagelieder. Nur so wird sich etwas ändern, nur so wird ein neuer Geist Platz greifen. Dazu möchte ich ermutigen, auch und gerade in einer Kirche, die das Potential hat, sich und die Welt zu verbessern…

Gebet der Stunde: Ich versuche im Gespräch so zuzuhören, dass der andere auf gute Gedanken kommt

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Eines tun sie nicht

Die Christen leben wie Gänse auf einem Hof. An jedem siebten Tag wird eine Parade abgehalten, und der beredsame Gänserich steht auf dem Gatter und schnattert über das Wunder der Gänse, erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten und lobt die Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt und den beredten Gänserich.

Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht – sie fliegen nicht; sie gehen zum Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, und der Hof ist sicher.

(aus: Willi HOFFSÜMMER, Kurzgeschichten 3)

Wir wollen nicht gern mit Gänsen verglichen werden, sind doch auch die Schafe aus der Mode gekommen, die dem Hirten gehorchen. Und trotzdem finde ich diese Geschichte ungemein nützlich, wenn es darum geht, die Sehnsucht des Menschen zu wecken. Und zwar die Ursehnsucht nach Freiheit, dem Ausloten der Fähigkeiten, dem Auskosten der eigenen Möglichkeiten.

Es war ein Schlüsselsatz meines Philosophieprofessors an der Uni, der mich nachhaltig beeinflusst und geprägt hat: „Du musst nicht über deine Möglichkeiten leben, dich nicht überfordern. Aber bleib auch nicht darunter. Nutze sie.“

Seither ist es eines meiner wichtigsten Anliegen besonders im Unterricht, (jungen) Menschen etwas zuzutrauen, ihnen Mut zu machen, ihre Fähigkeiten, Talente, Anlagen zu entdecken, auszuloten, selbstbewusst zu werden, dabei auch Fehler machen zu dürfen.

„Die Flügel“ in kirchlicher Sprache:

  • „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch“ (Ez 36,26) – einfühlsam, solidarisch, eben herzlich
  • „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26) – der Geist der Wertschätzung und des Wohlwollens
  • „Ich sage euch noch einmal: Liebt einander!“ (Joh 15,17) – die Liebe zum Leben, zur Lust am Genießen, zur Freude

Lädt die kirchliche Sprache, auch die der Liturgie, zum „Fliegen“ ein? Spreche ich genug Mut zu, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen? Nehme ich die gewohnten Sicherheiten gelegentlich als Mauern wahr, die es zu überspringen gilt?

Der katholische Passauer Bischof Stefan Oster lädt in diesem Zusammenhang zu einem Gedankenexperiment ein: „Denken wir Liebe, Liebe schlechthin. Absolute, unbedingte Liebe, die unser Denken maßlos übersteigt. Das ist Gott.“ Fliegen ist wohl ein anderer Ausdruck für lieben…

Gebet der Stunde: „Wie kann ein Mensch Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht“ (1 Joh 4,20)

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Die Beerdigung einer Gemeinde

In dem Ort Yonderton in England gab Pfarrer Wright folgende Anzeige auf:
Mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns und mit Zustimmung meiner Gemeinde gebe ich den Tod der Kirche zu Yonderton bekannt. Herbert Wright, Pfarrer zu Yonderton. Die Trauerfeier findet am Sonntag um 11 Uhr statt.

Diese Anzeige löste nicht nur in Yonderton lebhafte Diskussionen aus. Am Sonntag war die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Pfarrer Wright bestieg die Kanzel und sprach: Meine Freunde, Sie haben mir klargemacht, dass sie ernstlich davon überzeugt sind, unsere Kirche sei tot. Sie haben auch keinerlei Hoffnung auf Wiederbelebung. Ich möchte nun diese Ihre Meinung auf die letzte Probe stellen.

Bitte, gehen Sie alle – einer nach dem anderen – an diesem Sarg vorüber und sehen Sie sich den Toten an. Dann verlassen Sie die Kirche durch das Ostportal.” Alle Augen waren auf den Sarg gerichtet, der auf einer Bahre vor dem Altar stand. “Danach,” fuhr der Pfarrer fort, „werde ich die Trauerfeier allein beschließen. Sollten einige von Ihnen ihre Ansicht revidieren, dann bitte ich diese, durch das Nordportal wieder hereinzukommen. Statt der Trauerfeier würde ich dann einen Dankgottesdienst halten.“ Der Pfarrer trat an den Sarg und öffnete ihn. Die Leute kamen gespannt nach vorne zum Sarg:

“Was ist eigentlich die Kirche? Wer würde wohl in dem Sarg liegen?” Die Leute blickten in den Sarg und verließen die Kirche durch das Ostportal.
Auf einmal öffnete sich das Nordportal und die Menschen strömten in Scharen wieder in die Kirche herein. Die Menschen hatten im Sarg – in einem Spiegel – sich selbst gesehen.

Halten nicht auch wir die Kirche manchmal für tot? Sind wir nicht auch manchmal überzeugt davon, dass die Kirche keine Zukunft mehr hat? Wir merken dabei nicht, dass es um uns selber geht, und es meist auch an uns liegt, die Kirche am Leben zu erhalten. Die Spiegel zeigen uns selbst. Das bedeutet, jeder von uns ist Teil der Kirche, jeder ist persönlich angesprochen, die Kirche wieder zum Leben zu erwecken, bzw. sie erst gar nicht sterben zu lassen. Wir alle sind Kirche, und jeder von uns macht Kirche lebendig.

(aus: Heinz SCHÄFER, Hört ein Gleichnis, Beispiel 388)

Viel Kritik ist bei den Stationen zuvor ausgesprochen worden. Kritik vor allem an Strukturen der Amtskirche, die Leid verursach(t)en. Ohne den letzten Schritt läuft diese Kritik allerdings ins Leere. Und dieser letzte Schritt heißt: Selbstkritik. In der Schule ist mein Standardspruch, wenn ein Schüler einen anderen heftig kritisiert und ihn dabei mit Du-Botschaften überschüttet („Du bist ein…“): „Erzähl mit mehr von dir!“ Immer wenn ich etwas/jemand kritisiere, erzähle ich gleichzeitig sehr viel von mir und gebe viel von meinem Charakter preis. Dann muss ich auch bereit sein, die Selbsterforschung zu beginnen. In unserem Fall: Was trage ich dazu bei, dass sich Strukturen nicht ändern? Was ist mein Anteil daran, dass die Gemeinde „stirbt“? Was für Haltungen anderen gegenüber lege ich an den Tag, die mutlos machen, in die Enge treiben, keine Chance lassen auf einen Neuanfang?

In der Gleichnis-Geschichte über die Pfarre von Yonderton blitzt das Grundgeheimnis des Christentums auf: Umkehr ist möglich! Selbst wenn alle Hoffnung verschwunden ist, Resignation sich breitmacht und die Menschen ihre Urteile gefällt haben: ER bricht das geknickte Rohr nicht, ER löscht den glimmenden Docht nicht aus! (Jes 42,3) ER hält seine Arme immer offen – wie am Kreuz. Auch wenn wir noch so verloren sind, ist SEINE Liebe bedingungslos. Wir. Seine Kirche. Und ER traut uns allen etwas zu. Manchmal müssen wir Altes hinter uns lassen, um Neues zu wagen. Dabei brauchen wir IHN nicht versöhnlich stimmen, denn ER ist die Barmherzigkeit schlechthin. Versöhnung untereinander ist SEIN Auftrag. Und Selbstliebe. Dann ist Auferstehung möglich – hier und jetzt.

Gebet der Stunde: Ich schaue mit liebevollen Augen in den Spiegel – in das Ebenbild Gottes.

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

„Mein Blick ist ein Sakrament“

Nehmen wir das Beispiel der Eucharistie. Wir haben aus der Eucharistie etwas ganz Eigenes gemacht, etwas, das ausschließlich der Priester vollziehen kann, im allgemeinen in einer Kirche, am Sonntagvormittag. Da gibt es die Kommunion, das Ganze ist ein sakraler Ritus, isoliert im Wochen- oder Tagesablauf einer Person. Die Eucharistie – ein Sakrament. Davon abgesehen bleibt der Rest des Tages ein gewöhnlicher Tag. Hat Christus mit der Eucharistie das bewirken wollen? Hat er wirklich eine sakrale Realität schaffen wollen, die im Leben des Menschen eine Enklave (= abgeschlossenes Gebiet, Anm. d. A.) ist? Oder hat er nicht viel mehr die gewöhnliche Mahlzeit heiligen wollen?

Unsere Neigung, Handlungen herzunehmen, um sie zu sakralisieren und in Kapseln zu isolieren, kleine heilige Luftblasen inmitten eines entheiligten, unheiligen Universums oder menschlichen Lebens, diese Neigung ist furchtbar! Wenn die Eucharistie nicht die Mahlzeit heiligt, die ich heute eingenommen habe, … hat die Eucharistie keine Bedeutung mehr. Das Sakrament gewinnt nur dann Bedeutung, wenn es den Rest des menschlichen Lebens heiligt! Andernfalls entspricht es nicht der Absicht Jesu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Jesus sagt nicht: „Vollzieht einen sakramentalen Ritus.“ Sondern: „Ich bin gegenwärtig in jeder Mahlzeit, in jeder Begegnung, ich bin anwesend in der geschwisterlichen Liebe. Dies ist mein Leib, den ihr teilt, es ist das Brot, es ist diese tägliche Mahlzeit. Heiligung des ganzen Lebens.“…

… Wenn die Eucharistie, die Danksagung, die wir gemeinsam verrichten, nicht in eine wechselseitige „Fußwaschung“ mündet, hat sie keinen Wert und keine Bedeutung. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ …

… Diese ewige Neigung zu glauben, man verehre Gott in irgendeinem Rahmen oder Ritus, während der lebendige Gott, der zitternde Gott, der bedürftige vor unserer Haustür steht und wartet … Achtung: Es geht um die Glaubwürdigkeit der Kirche!“

(aus: Henri BOULAD, Mystische Erfahrung und soziales Engagement)

In meiner Ausbildung hab ich viel über die Sakramente gelernt. Über Jesus als Ursakrament. Die Kirche als Grundsakrament. Die wirkmächtigen Zeichen der Nähe Gottes. Die Geschichte als sakramentales Zeichen, die Bedeutung der Siebenzahl, usw. Aber erst durch Henri Boulad und sein Buch (s.o.) und in weiterer Folge durch Leonardo Boffs Büchlein „Kleine Sakramentenlehre“ habe ich eine Ahnung bekommen, was mit Sakrament gemeint sein könnte.

Der ewig suchende Jesuit Boulad ist eine der profiliertesten Persönlichkeiten der Kirche des 21. Jhs. Als Grenzgänger zwischen vielen Einzeldisziplinen versucht er eine Versöhnung und Zusammenführung unterschiedlichster Bereiche wie z.B. Philosophie und Theologie, Physik und Mystik, Politik und Glaube.

Seiner Meinung nach ist ein Sakrament jede Realität, die Gnade bringt. Der liebende Blick, die zärtliche Umarmung, jedes Lächeln. Und Gnade sei immer ein Handeln Gottes, sie sei die Liebe Gottes. „Hat man das einmal begriffen, eröffnet sich eine neue Welt. Eine mystische Welt“, so lautet seine Überzeugung. Die Heiligung des Alltags beginnt. Ein Sakrament ist im Sinne Boulads nichts anderes als die Fortsetzung der Menschwerdung Gottes.

Der Tod Jesu am Kreuz bezeugt die grenzenlose Hingabe Gottes an den Menschen. Nicht der rächende Gott wird sichtbar, der ein blutiges Opfer braucht, um versöhnt zu werden. Sondern der uns über alles liebende Gott, der das ohnmächtige Leid des Menschen am Kreuz auf sich nimmt, um uns zu sagen: Ich lasse euch nicht im Stich. Ich bin bei euch. In jedem von euch werde ich immer wieder Mensch. Anders gesagt: Im alltäglichen Leben wird das wahre Messopfer dargebracht. Die Eucharistiefeier erinnert uns daran.

Gebet der Stunde: Ich springe über meinen Schatten und lasse Gnade walten.

13. Station: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

In ihm leben wir

Die meisten von uns stellen sich Gott vor nach unserer menschlichen Art.

Wie könnten wir auch anders.

Also als eine Art Person, als ein großes Gegenüber, zu dem wir „Du“ sagen können:

wie Vater oder Mutter, wie Geliebte oder Freund.

Ganz anders Paulus in Athen. Da sagt er von Gott:

„In ihm leben wir, bewegen uns und sind wir.“

Das ist eher ein kosmisches Gottesbild.

„Wir in ihm …“ Da wird Gott gesehen wie der große, alles umfassende Mutterschoß,

in dem wir Embryos schwimmen und wachsen und strampeln. Ernährt durch seine Nabelschnur,

angeschlossen an seinen göttlichen Kreislauf…

„In ihm leben wir, bewegen uns und sind wir“

wie in einem großen Ei. Auch das ist ein Bild.

Nur ein Bild. Aber wie sollen wir sinnlichen Menschen

anders als in Bildern versuchen, das große Geheimnis

zu umkreisen, das wir „Gott“ nennen…

(aus: Hermann Josef COENEN, Freiheit, die ich meine)

Diese Kreuzwegstation stammt wieder aus der Volksfrömmigkeit, von der das 2. Vatikanische Konzil sagt, dass das Gottesvolk teilnimmt an dem prophetischen Amt Christi (LG 12).

Maria, die Mutter Jesu, wurde schon in den Anfängen des Christentums als Urbild der Kirche bezeichnet. In diesem Sinne kann diese Station auch so gedeutet werden, dass uns, der Kirche, der tote Jesus anvertraut wird. Anders gesagt: Christsein bedeutet, Leid und Tod nicht zu verdrängen. Unsere eigene Endlichkeit zuzulassen, anzunehmen. Die kleinen Tode des Alltags mit wachen Sinnen wahrzunehmen.

Kirchliches Leben bedeutet dann: sich den aktuellen (leidvollen) Herausforderungen stellen, die Nähe derer suchen, die am Verstummen sind, und lieben, was das Zeug hält…

Ostern darf hier nicht vorschnell verstanden werden als Vertröstung. Vor der Auferstehung kommen Zweifel und Trauer – wie bei den Emmausjüngern. Vor der Auferstehung kommt das Leiden am endlichen Leben, das Scheitern der Versöhnung, der Protest gegen den Tod.

Der Mutterschoß als Urbild der Geburt, des Neuanfangs wird in der 13. Station scheinbar völlig ins Gegenteil verkehrt. Allerdings: mit Blick auf das Leben Jesu taucht eine völlig neue Perspektive auf: der Tote erzählte von einem Gott, der nicht nur Geber, Schöpfer ist, sondern sich selbst zur Gabe macht. Sich in die Hände des Menschen legt. Uns einen Blick auf sein Wesen ermöglicht. Zur innersten Mitte, zum Herz der Welt wird! Gott erweist sich als Gott-mit-uns, gerade, indem er das Elend des Todes mit uns teilt!

Jetzt keimt in mir eine Ahnung auf, dass alles gut wird. Dass der Tod seinen Stachel verloren hat, dass alles Leiden von seinen Händen verwandelnd berührt wird. Dass Vergänglichkeit ein Vergehen in Gott hinein bedeutet. Hinein in den alles umfassenden Mutterschoß Gottes. Heimat finden in diesem paradiesischen Urgrund des Lebens. „Wir in ihm…“ – schon hier und jetzt.

Ostern ist die Liebesgeschichte Gottes mit uns. Auf dass auch wir Liebe leben.

„Denn Nichtlieben ist Tod und Lieben ist Leben“ (Raimundus Lullus, franziskan. Mystiker, 13./14. Jh.)

Gebet der Stunde: „Man kann sich durch Sammlung jeden Augenblick immer wieder in die lebendige Erfahrung der stillen Anwesenheit Gottes zurückrufen lassen“ (Karl Wucherer-Huldenfeld)

13. Station: Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Wenn keiner kommt

Heute Morgen kam keiner in die Kirche. Keiner. Die Glocken hatten ausgeläutet. Der Mesner hatte die Kerzen angezündet. Mit Christian, unserem Praktikanten, und mit meiner Gitarre kniete ich in der Kirche, wartend. Es war einfach ein Missverständnis gewesen: Die Kinder des ersten Schuljahres mit ihren Lehrerinnen und Müttern kommen erst nächste Woche. Trotzdem. Es war im Augenblick wie eine Horrorvision. Wenn das so weitergeht, was wir zurzeit überall erleben, vor allem mit Jugendlichen und Kindern, wenn wir in einigen Jahren läuten und keiner kommt…

Es war am 3. März 1989. Zum 85. Geburtstag von Karl Rahner sprach sein Schüler Herbert Vorgrimler in einer Kölner Buchhandlung. Er zitierte aus einem der späten Briefe des verstorbenen Freundes an ihn: „Und wenn eines Tages niemand mehr an IHN glaubt, verflucht und zugenäht, dann will ich IHM die Freude machen!“ Ich habe nach dem Vortrag nachgehakt: Ja, genauso hat er geschrieben.

(aus: Willi HOFFSÜMMER, Kurzgeschichten 5)

 Karl Rahner ist nicht irgendwer. Er gilt in Fachkreisen als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jhs. Großen Einfluss hatte er mit seiner Theologie auf das Zweite Vatikanische Konzil, an dem er als Sachverständiger mitarbeitete.

Von ihm stammen Aussagen wie:

  • „Die Bergpredigt verstehen kann nur ein Mensch, der den Mut hat, sich selbst radikal in Frage zu stellen – sich selbst, nicht die anderen, nicht nur dies und das an sich selbst.“
  • „Gott sei Dank gibt es das nicht, was sich neunzig Prozent der Menschen unter Gott vorstellen.“
  • „Der Fromme (= spirituelle Mensch) von morgen wird ein „Mystiker” sein, einer der etwas „erfahren” hat, oder er wird nicht mehr sein.”

Karl Rahner weist uns den Weg. Gestern haben wir die 13. Station so gedeutet, dass Jesus in den Schoß der Kirche gelegt wird, da Maria schon von Anfang an als Urbild der Kirche gedeutet wurde. Heute gehen wir einen Schritt weiter. Die Kirche, das bist du. Das bin ich. Jesus wird also jedem/jeder Einzelnen in die Hände gelegt. Es braucht also meine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Leid, Vergänglichkeit und Tod.

Rahner weiß natürlich um die Wichtigkeit des gemeinsamen Glaubens, um die Bedeutung der Gemeinschaft für den einzelnen Menschen. Deswegen spricht er immer wieder von einer „Mystik des Dienens“, „eine tiefe Erfahrung, deren Früchte beim Nächsten und Fernsten, mitten in der Welt, schmeckbar werden (sollen).“

Aber sein „verflucht und zugenäht“ drückt sehr prägnant aus, was es in Zeiten wie diesen besonders braucht: Das Aufstehen jedes einzelnen Menschen! Menschen, die sich trotz allem nicht irre machen lassen und festhalten an der frohen Botschaft! Die bereit sind, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und die sich auf den Weg machen. Allen Widerständen zum Trotz. Tomas Halik spricht es in seinem neuen Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ so aus: „Vielleicht sind die leeren und die geschlossenen Kirchen ein prophetisches Warnzeichen: Wenn unsere Kirche und unsere Frömmigkeit nicht eine Reform durchgehen, eine Umkehr, eine Vertiefung, werden viele Kirchen bald gänzlich leer und geschlossen sein.“

Uns ist der tote Jesus anvertraut. Und uns ist damit in die Hände gelegt, was uns leben lässt: bedingungslose Liebe bis in den Tod. Alles andere liegt in Seinen Händen.

14. Station: Jesus wird ins Grab gelegt

anweisungen (für christen) zur auferstehung (Ausschnitt Teil 2)

  1. lass dich begraben

aber lass dich nicht einbalsamieren

nicht mumifizieren

bleib lebendig

bewege dich

deine bewegungen werden andere

bewegungen auslösen

lass dich begraben

nur das weizenkorn das begraben wird

das in den dreck fällt

wird sich vermehren

wird auferstehn

4.steh auf

wenn dich etwas umgeworfen hat

steh auf

wenn ein anderer besser deinen platz

ausfüllt

auch das ist auferstehung

steh auf

gerade wenn du meinst

du könntest nicht aufstehen

der stein vor deinem grab

wird sich von selbst fortbewegen

es wird dir ein stein vom herzen

fallen

(aus: Wilhelm WILLMS, Der geerdete Himmel)

Wenn im Alten Testament Propheten auftraten, konnte es schon mal passieren, dass ihre Kritik auf großen Widerstand stieß: bei den politischen Herrschern, den religiösen Führern, den Großgrundbesitzern. So geschah es nicht selten, dass Propheten von diesen eingesperrt, manchmal auch getötet wurden.

Als Jesus die herrschende religiöse Autorität zu hinterfragen begann, war der Tötungsbeschluss rasch gefasst. Man hoffte, mit ihm auch seine Neuerungsansätze zu Grabe tragen zu können.

Auch wir tragen vieles zu Grabe, was wir nicht hören wollen. Unangenehmes wird totgeschwiegen. Vielleicht auch einfach nur verdrängt.

Ein Kritiker der Kirche von heute sitzt immer zwischen zwei Stühlen. Kirchenintern wird er schnell als Nestbeschmutzer hingestellt, Schweigeparolen werden ausgegeben. Von der Gesellschaft bekommt er oft den Stempel „Systemerhalter“ aufgedrückt, der zu feig ist zum Austreten.

Im „Kreuzweg der Kirche“ wurden in den letzten Tagen und Wochen Beispiele aufgezeigt, wo es in der Kirche Handlungsbedarf gibt. Wo es kein Stillschweigen, kein Aussitzen, kein zu Grabe tragen mehr geben kann. Wo Strukturen hinterfragt werden müssen, die Missstände aller Art erleichtert haben. Diese Zeilen sind entstanden aus einer Sorge um die Zukunft dieser Jesusbewegung. Und sie sind getragen von der Hoffnung, dass sich nach gründlicher Analyse und Diagnose der Schwachstellen vieles zum Guten wenden kann. Und sie sind Ausdruck meines Glaubens. Und Zeugnis dafür, dass ich nicht bereit bin, mich damit abzufinden, dass Kirche als veraltet, ewig gestrig und weltfremd bezeichnet wird.

Bestenfalls kann man die Texte als Übertragung der alt- und neutestamentl. Prophetentexte in heutige Sprache verstehen, im nicht so wohlwollenden Fall als Plagiate, und als Egotrip eines Gemeinschaftverweigerers. Wer mich kennt weiß, wofür mein Herz brennt.

Ich möchte in Bewegung bleiben, nicht bequem werden, kein Sesselkleber sein, das Aufstehen riskieren, mit Herzblut bei der Sache sein, der Sache Jesu… und mir fällt ein Stein vom Herzen, dass ich dabei nicht allein bin! Meine Be-Ruf-ung sehe ich darin, für andere dazusein, das Faszinierende dieser Jesusbewegung nahezubringen, die Nachfolge als die von Jesus gemeinte Form der Gottesverehrung schmackhaft zu machen. („Ein Beispiel habe ich euch gegeben….“)

Gebet der Stunde: Statt „Lockdown“ verwende ich den Begriff Solidarität und denke an die, die meine Hilfe brauchen. Wem kann ich heute wie helfen?

14. Station: Jesus wird ins Grab gelegt

Was keiner wagt

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.

Was keiner sagt, das sagt heraus.

Was keiner denkt, das wagt zu denken.

Was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen.

Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.

Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.

Wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken.

Wo alle spotten, spottet nicht.

Wenn alle geizen, wagt zu schenken.

Wo alles dunkel ist, macht Licht.“

(aus: Lothar ZENETTI, Texte der Zuversicht)

Dies ist mein letzter Text. „Was keiner wagt“ ist für mich persönlich ein Gedicht, das mich schon viele Jahre anregt und herausfordert. Zenetti und alle anderen AutorInnen, deren Zeilen ich verwendet habe, sind engagierte ChristInnen, viele davon Priester und Bischöfe. Alle für mich Vertreter einer zeitgemäßen Spiritualität. Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen aufgeschrieben, was mein Leben in der Kirche in den letzten Jahrzehnten geprägt hat: intensive Diskussionen v.a. mit OberstufenschülerInnen über die Themen der Kirche, die in der Öffentlichkeit sehr kontrovers wahrgenommen werden. Sehr oft war ich intensiv gefordert, manchmal überfordert. Aber immer ging es darum, Rede und Antwort zu stehen, mich nicht herauszureden oder zu schweigen. Oder mich darüber hinweg zu schwindeln mit dem Standard-Satz: „Aber es gibt ja so viel Gutes in der Kirche!“ Gott sei Dank gibt es das!

Aber die Jugend von heute will Antworten auf die Fragen, die offen sind – manchmal wie klaffende Wunden. Und die Zukunft der Kirche steht und fällt damit, ob ich mich als Suchender unter Suchenden auf diese Fragen einlasse, nicht besserwisserisch auftrete, sondern eine Heimat biete, die nicht bloß eine Fassade ist, die den ganzen Menschen bejaht und echter Halt in unruhigen Zeiten ist.

In diesem Sinne verstehe ich meine Texte und Anregungen als Glaubenszeugnisse eines Menschen, der ein paar Antworten gefunden hat, dem aber gleichzeitig mehr und mehr Fragen Sorgen bereiten.

Wenn Glaubenszeugnisse in der Kirche keinen Platz mehr haben, wenn kritisch-prophetische Texte als bloße Störungen der Ordnung erlebt werden, dann verliert die Kirche jede Glaubwürdigkeit. Dann hat sie ihren Zweck verfehlt. Kritik ist ja die Gabe der Unterscheidung: welcher Weg hat Zukunft, welcher nicht….

Die Kirche ist für mich der Ort, wo Dialog ohne Machtausübung modellhaft vorgelebt werden sollte.

Wer genau hinschaut, kann vieles von dem entdecken, was mich in der Kirche hält, mich aufbaut und ermutigt. Fast jeder Text versucht einen biblischen Zugang zu alternativen Wegen anzudenken. Die Gebete der Stunde weisen auf ein existentielles Beten hin, das mir in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das Menschenbild, das hier vertreten wird, ist ein selbständiges, bei dem jedem Einzelnen viel zugetraut, zugesprochen wird. Diese Zusagen aus der Bibel prägen meine Vision von einer Kirche, in der der Einzelne in einer liebevollen Gemeinschaft aufatmen kann.

Ich möchte schließen mit dem für mich österlichsten Vers aus dem AT (Jes 9,2), der die Hoffnung aller Generationen zum Ausdruck bringt: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.“ Möge die Osterkerze Hoffnung geben und Anregung sein für ein mündiges Christsein!

Gebet der Stunde: Eine Kerze anzünden – Kerze sein

© Robert Brunbauer