Kapelle Kemmelbach

In jener Kolonialisierungswelle, die um die erste Jahrtausendwende einsetzte, ließen sich bajuwarische Siedler an dem Ort nieder, der heute Kemmelbach heißt. Sie gründeten den „Hof zu Chemnatspach“ im Dorf „Chemnatspach“. Da diese bajuwarischen Siedler dem christlichen Glauben angehörten, schafften sie wohl auch einen Ort, wo sie beten und Messen feiern konnten. Dieser Ort dürfte sich in Form einer Kapelle im oben genannten Hof befunden haben. Wie in jener Zeit üblich, ist diese der örtlichen Herrschaft unterstanden. Diese Hauskapelle dürfte aber damals schon zu klein gewesen sein, um alle Kemmelbacher Kirchenbesucher zu fassen. So mussten die Dorfleute wohl öfter einen weiten Weg zur nächsten Kirche, wahrscheinlich über den Holzinger Berg nach Petzenkirchen, auf sich nehmen, weil der Ybbsfluss ein oft unüberwindliches Hindernis darstellte, um in die Kirche nach Ybbs zu kommen, und in Neumarkt gab es ja erst ab dem frühen 13. Jh. eine Kirche.

Vielleicht wurden aber auch damals schon Geistliche von Petzenkirchen nach Kemmelbach entsandt, um einerseits für die Herrschaft geistlichen Beistand zu geben und andererseits für ein christliches Dorfleben zu sorgen und die Dorfleute zu braven, gottesfürchtigen Untertanen ihres Herrn zu erziehen. Die Pfarre Petzenkirchen ist etwa zur selben Zeit wie das Dorf Kemmelbach entstanden. Der Mutterpfarre Petzenkirchen unterstanden ursprünglich auch die Pfarren Ybbs und St. Martin im Ybbsfeld. Schon um 1200 spalteten sich diese Pfarren ab und wurden selbstständig.

Im 14. Jh. wurde das Dorf Kemmelbach zur Pfarre Petzenkirchen eingepfarrt. Leider gibt es keine genaueren Angaben über die Kapelle bis zum Jahr 1683. Damals wütete eine Horde Türken im Ort, sie mordeten, plünderten und zerstörten die Kapelle. Ein Jahr später, also 1684, erfolgte ein Ansuchen für eine Messlizenz für die Schlosskapelle in Kemmelbach. Im Jahre 1783 wurde die Gemeinde Kemmelbach mit dem Dorf Winden und den drei Häusern in Wolfsberg nach Neumarkt eingepfarrt.

Die Bewohner von Kemmelbach strebten des öfteren die Errichtung eines eigenen Seelsorgepostens in ihrem Orte an, aber alle Bemühungen scheiterten, weil jede Eingabe in dieser Richtung immer wieder vom bischöflichen Ordinariat abgelehnt wurde. Andererseits bekannten sich die Kemmelbacher aber auch zur Pfarre Neumarkt. Franz Steiner, Postmeister-Stellvertreter im Postamt Kemmelbach stiftete 1847 einen Luster für die Kirche von Neumarkt.

Zu der Zeit, als die gräfliche Familie Walterskirchen  das Schloss besaß, kam regelmäßig ein Geistlicher aus dem Stift Seitenstetten, um Messen in der Schlosskapelle zu lesen. Die Dorfleute aber mussten zur Pfarrkirche nach Neumarkt, denn für ihr Seelenheil war diese Pfarre zuständig.

 Am 23. 9. 1927 kauften die Schwestern des dritten Dominikanischen Konvents in Wien Hacking das Schloss um 325.000 Schillinge und machten darin ein Kloster. Sie erwirkten die Messlizenz und die Bewilligung die kleine Privatkapelle der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Kloster wurde dem hl. Josef geweiht, die Kapelle wieder wie früher dem gekreuzigten Heiland. Die Kapelle befand sich im Nordosttrakt etwa dort, wo ab 1954 der zweite Stiegenaufgang in den ersten Stock führt. Sie nahm aber auch einen kleinen Teil des später bis 2011 betriebenen Kindergartens ein. Der Kapellenraum war klein und verwinkelt, sodass anfangs aus Platzmangel nur die Schwestern und die Klosterbediensteten, eventuell auch alte Dorfbewohner, an den Gottesdiensten teilnehmen durften.

1953 entstanden erste Pläne, eine neue, größere Kapelle im Schloss zu bauen. Demnach sollte sie im ersten Stock des nordöstlichen Gebäudeteils entstehen. Nämlich im seinerzeitigen Festsaal, weil dieser die ganze Gebäudebreite einnahm. Für den Altarraum (Presbyterium) und die Sakristei wurde durch einen Anbau an der Ostseite Platz geschaffen. Von der Straßenseite her wurde ein separater Eingang von draußen und eine lange, gerade Stiege zur neuen Kapelle errichtet. Am 10. Oktober 1954 weihte Bischofkoadjutor Franz König die neue Kapelle feierlich ein. Es war ein großes Fest, an dem außer den Würdenträgern auch die Bediensteten und viele Leute aus Kemmelbach und der Umgebung teilnahmen. Alleine über 100 Personen waren am Festmahl anwesend. Baumeister Aichmeier aus Neumarkt hat den Bau durchgeführt. Die Kosten trug ausschließlich das Kloster. Die Einrichtung, wie Kreuzwegbilder oder Statuen sowie Messgewänder hatte das Mutterhaus übernommen.

Zur Zeit der Dominikanerinnen wurden die kirchlichen Feste in der Klosterkapelle mit dem jeweiligen Hausgeistlichen ebenso festlich zelebriert, wie in der Pfarrkirche in Neumarkt. Deshalb besuchten die Kemmelbacher hauptsächlich ihre Kapelle. Sie war damals immer sehr gut besucht, vor allem im Winter, weil sie nämlich im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen und Kapellen geheizt war. Viele Leute kamen damals auch aus Orten und Pfarren der Umgebung.

Im Herbst 1959 starb Frau Leopoldine Fida, sie war die letzte „Läuterin“ von Kemmelbach. Wie schon viele vor ihr, hatte sie die Aufgabe, jene Glocke, welche im Turm über der Statue des hl. Johannes Nepomuk hing, zu allen gegebenen Anlässen zu läuten. Nun wollte aber niemand die Nachfolge für den Läutdienst antreten. So versuchte ein rasch gebildetes Glockenkomitee die Klosterschwestern dafür zu gewinnen. Diese wiederum wollten aber nur zusagen, wenn die Glocke ins Kloster übersiedelt würde. Also baute man auf das Dach des Schlosses, über der Kapelle, einen kleinen hölzernen Turm für die 35 Kilo schwere Glocke und noch vor Weihnachten erfolgte die Übersiedlung und die feierliche Einweihung.

Nach einem langen, kalten und schneereichen Winter feierte zu Ostern 1964 erstmalig Pater Ludwig Ilencik ein Osterhochamt in der überfüllten Schlosskapelle. Unter Pater Ludwig gab es ab Weihnachten 1965 auch Mitternachtsmetten mit anschließendem Turmblasen. Durch sein eifriges Wirken fand in Kemmelbach auch in den folgenden Jahren ein fast pfarrähnlicher Betrieb mit Auferstehungs- und Fronleichnamsprozessionen sowie mit Erntedankfesten statt. Nur Begräbnisse von Kemmelbachern fanden in Neumarkt statt. Die Leichenzüge waren noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jh. zu Fuß unterwegs.

Im Jahre 1969 wurde das Kloster aufgelassen. Nun übernahmen einige Frauen aus Kemmelbach und Königstetten das Putzen und Schmücken der Schlosskapelle, somit war deren Pflege weiterhin gesichert. Vor allem war aber gut, dass Pater Ludwig als Kaplan der Pfarre Neumarkt zugeteilt wurde und damit in Kemmelbach verblieb. Er führte seinen seelsorglichen Dienst für die hiesige Pfarrbevölkerung in der Kapelle fort, auch unter Pfarrer Johann Streißelberger, der am 17. Dezember 1972 in der Pfarre Neumarkt installiert wurde.

Neben seiner Tätigkeit als Kaplan und Geistlicher für die Schlosskapelle war Pater Ludwig  auch als Seelsorger der Krankenanstalt Ybbs tätig und so pendelte er täglich zwischen den beiden Orten. Im Jahre 1976 wurde er ganz nach Ybbs versetzt und Pfarrer Streißelberger führte selbst die Gottesdienste in Kemmelbach in nahezu gewohnter Weise weiter. Ab 1. Juli 1984 wurden die Sonntagsmessen in der Kapelle eingestellt, außer am Ostersonntag. Es gab seither nur mehr Vorabendmessen und jeweils am Dienstag eine Frühmesse. Abwechselnd mit Neumarkt wurden weiterhin Kreuzwegandachten und Maiandachten gehalten.

Im Jahre 2004 wurde die Schlosskapelle 50 Jahre alt. Zu diesem Jubiläum wurden einige notwendige Renovierungsarbeiten durchgeführt, die ursprüngliche Altarraumgestaltung ohne Volksaltar wurde, dem Wunsch der Kemmelbacher Kirchenbesucher folgend, beibehalten.

Die Überlegung war ja damals schon, dass es wegen des Priestermangels in Zukunft vielleicht einmal gar keine regelmäßigen Messen mehr in der Schlosskapelle geben würde. Dann fänden nur mehr Andachten und Betstunden in der Kapelle statt, und mit diesen Aussichten fanden die meisten Kemmelbacher Kirchenbesucher die ursprüngliche Altarraumgestaltung wohl am schönsten.

Niemand wusste aber damals, dass schon zwei Jahre nach diesem Jubiläum eine Situation eintreten würde, die dieser Vorahnung schon sehr nahe kam. Seit September 2006 musste nämlich Pfarrer Johann Streißelberger von Neumarkt die Pfarre St. Martin als Moderator mitbetreuen. Das bedeutete, dass die hl. Messen zwischen diesen beiden Pfarrkirchen aufgeteilt werden mussten, und daher gab es in Kemmelbach keine regelmäßigen Vorabendmessen mehr. Für die Schlosskapelle blieb daher nur mehr eine Abendmesse pro Woche. Ab 1. September 2009 leitet, wegen der Pensionierung von Pfarrer Streißelberger, Moderator Mag. Daniel Kostrzycki die Pfarren Neumarkt und St. Martin. Er verlegte die gewohnte Abendmesse vom Montag auf den Mittwoch.

Nachdem die NÖ Lebenshilfe im Frühjahr 2010 das Schloss von der Gemeinde gekauft hatte, präsentierte sie auch gleich ihre weitreichenden Um- und Ausbaupläne. Dazu gehörte auch eine Verlegung der Kapelle an einen anderen Platz. Denn diese lag, nach den Umbauplänen, mitten im Bereich der geplanten künftigen Arbeitsgruppen. In eingehenden Beratungen mit der Pfarre Neumarkt wurde unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung gefunden.

Die neue Kapelle liegt nun am anderen Ende des Schlosses, nämlich im Südwesttrakt und im Erdgeschoß. Vor allem für ältere oder auf einen Rollstuhl angewiesene Personen ist dieser barrierefreie Zugang eine deutliche Verbesserung. Es braucht ja nicht mehr die hohe und lange Treppe bewältigt werden. Da die Besucherzahlen zu den Messen und Andachten im Laufe der Jahre sehr geschrumpft waren und auch in Zukunft kaum steigen werden, ist auch der deutlich kleinere Kapellenraum kein Problem.

Am Mittwoch, dem 14.  September 2011 hatte Pfarrer Daniel Kostrzycki die letzte Abendmesse in der bisherigen Schlosskapelle vor 21 Besuchern gelesen. Eine Woche später, am Dienstag, dem 20. September wurde der Marmoraltar  von der Firma Ehrlich aus Amstetten abgebaut. Am Montag, dem 10. Oktober baute obige Firma den neuen Volksaltar aus weißem und rotbraunem Marmor in der neuen Schlosskapelle auf. Dahinter, an der Wand fanden einige Elemente aus dem alten Marmoraltar, wie der Tabernakel, dessen Türe neu vergoldet wurde, die Altartischsäulen und die große Marmorwandplatte mit dem goldenen Kreuz, wieder Verwendung. Die Kreuzwegbilder und die vier Statuen aus der alten Kapelle fanden aber wieder entsprechende Plätze. Die neue Bestuhlung besteht aus einzelnen Sesseln die bei Bedarf entfernt werden können, wenn Rollstuhlbenützer die Messe besuchen.

Am 9. Dezember 2011 wurde die neue Schlosskapelle von Diözesanbischof DDr. Klaus Küng feierlich eingeweiht. Es nahmen zirka 90 Personen an der Feier teil. In der Kapelle fanden allerdings mit der Geistlichkeit, den Ministranten und den Ansicht-innen-linkssonstigen Akteuren nur gut 40 Leute Platz. Für die übrigen Mitfeiernden war ein großes Partiezelt neben der Kapelle errichtet worden. Mit moderner Bild- und Tonübertragung sowie mit einem Heizgebläse wurde dann dafür gesorgt, dass auch diese Festgäste die Zeremonie mitfeiern konnten und dabei nicht frieren mussten. Anschließend wurde bei wärmenden Getränken und Kuchen noch ein wenig geplaudert und nachgefeiert.

In der neuen Kapelle finden sich seit ihrer Einweihung durchschnittlich 15 bis 20 Messbesucher ein. Das entspricht in etwa der von früher gewohnten Besucherzahl in der alten Kapelle, dort wäre aber Platz für 70 bis 80 Besucher gewesen. Entsprechend leer nahm sich der Kapellenraum bei den Messen auch aus. Nur durchschnittlich ein Mal im Jahr war die alte Kapelle voll. Nämlich wenn eine allseits bekannte und beliebte Ansicht-innen-rechtsPerson gestorben war und für sie Betstunde (Nachtwache) gehalten wurde. In der neuen Kapelle sind solche Betstunden aus Platzmangel leider nicht mehr möglich. Sie müssen künftig in der Pfarrkirche gehalten werden. Für die wöchentlichen Messen und monatlichen Andachten reicht der Platz in der neuen Kapelle jedoch alle Mal. Auch wenn vor allem die älteren Leute der früheren Kapelle aus verständlicher Sentimentalität nachtrauern. Die leichtere (ebene) Zugänglichkeit der neuen Kapelle wird grade von ihnen sehr geschätzt.

Auszugsweise entnommen dem 2012 erschienen Buch „Kemmelbach – ein kleiner Ort und seine lange Geschichte“ von Alois Kamleithner.

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